Zeichensprache

Saturday, 4. September 2010 22:12

Unterwegs in El Barrio (Spanish Harlem, im Nordosten von Manhattan) komme ich an einem Juweliergeschäft vorbei. Das erinnert mich daran, dass ich seit gestern meine Armbanduhr in der Tasche trage. Die Verbindung von Armband und Uhr hatte sich gelöst. Kurzentschlossen betrete ich das Geschäft. Hinter dem Tresen steht eine Frau, die gerade etwas abtrocknet, das nach einer Lunchbox aussieht, vor mir steckt ein Mann sein Wechselgeld ein und wechselt mit der Frau spanische Worte, während hinter ihr ein Mann an einem kleinen Werktisch in sein Handy bölkt.

Dann nimmt die Frau mich wahr und fragt auf Englisch nach meinem Begehr. Ich erkläre und zeige ihr das Problem, sie nimmt meine Uhr und gibt sie dem Mann im Hintergrund. Der klemmt sich das Handy zwischen Ohr und Schulter und schaut mürrisch (meine Uhr repariert er glaube ich mit Handystrahlen, jedenfalls scheint er sich nicht zu bewegen, aber sie ist jetzt wieder ganz). Die Frau hat längst eine neue Kundin entdeckt, nimmt einen Zettel mit einer Nummer entgegen und holt einen Umschlag. Den öffnet sie und schüttelt eine goldene Kette mit Anhänger heraus. “Wie schön!”, strahlt sie die Kundin an. “Haben Sie getrunken?

Die Kundin schaut verdattert. “Na, wofür ist das? Alkohol? Drogen?” – “Ich habe Marihuana genommen”, sagt die Kundin leise. – “Und das machen Sie jetzt nie wieder”, sagt die Verkäuferin. “Sie müssen durchhalten. Ich habe aufgehört, Zigaretten zu rauchen, und ich habe nie wieder eine angerührt.” Sie schaut die andere Kundin und mich an. “Toll”, sage ich, während die andere die Kette wegsteckt. Vergeblich habe ich versucht, zu erkennen, wie so ein Anhänger aussieht, der einer Juwelierladenverkäuferin sofort verrät, dass er Zeichen eines Abstinenzversprechens ist.

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Moment mal: Klingelbeutel?

Friday, 3. September 2010 22:32

Viele religiöse Gruppen sammeln Geld von ihren Mitgliedern und geben es dann an andere Menschen weiter. An Bedürftige. Oder an Sektenführer. Die Journey Church aber winkt mit einem Geschenk, wenn man zum Gottesdienst am 19. September kommt. “DEPT-FREE GIVAWAY” heißt es in deren Zeitungsannonce, und auf der Website ist von tausend Dollar die Rede; aber nicht, ob diese Summe jeder kriegt, der vorbeischaut (um das herauszufinden, muss man eben hingehen). Zwei Wochen zuvor beginnt die dazu passende Unterrichtsreihe: “Smart Money: Managing my money God’s way”. Und ich dachte, wenn man ein Gott ist, braucht man sich um Geld überhaupt keine Gedanken zu machen.

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Achtung, Kino

Thursday, 2. September 2010 21:23

Der Typ guckt mich an. Die Buchstaben springen mir entgegen, als die U-Bahn zum Halten kommt.

Zwischen der Werbung für Spielfilme und TV-Serien, die allesamt so böse wie möglich aussehen möchten, hängt dieses Plakat, das “Social Network”, den Film über die Entstehung von Facebook ankündigt. Ich sehe nicht so recht ein, warum Mark Zuckerberg ein Punk sein soll (aber vielleicht möchte der Film mir das gern beibringen). Immerhin waren die Filmemacher eigenständig genug, um dem Objekt ihres Schaffens keinerlei Mitspracherecht zu geben. Der junge Mann selbst wiederum betont, der Film sei ein Fantasiewerk und der wahre Beginn von Facebook sei langweilig gewesen.

Ich steige in einen Bus um, und im Vorbeifahren bleibt mein Blick an einem weiteren Plakat hängen : “Are you still a Virgin?” steht da. Und darunter eine gebührenfreie Telefonnummer.  Kein Foto, ganz schlicht. Auch das ist Werbung – für einen Film namens “The Virginity Hit“. Sieht so aus, als bräuchte ich für geraume Zeit kein Geld für Kinokarten auszugeben.

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Rätsel

Wednesday, 1. September 2010 23:14

Es gibt viele Theater in der Stadt und viele Poser, an jeder Ecke wird ein Film gedreht oder ein nicht ganz astreines Ding. Um in dieser Stadt Aufmerksamkeit zu bekommen, braucht es einiges – also übertrumpfen sich Wolkenkratzer mit Höhe und Werbetrommeln mit Lautstärke. Das verdreht meine Wahrnehmung: Sobald ich etwas Ungewöhnliches sehe, frage ich mich, wer das nun wieder inszeniert hat. Das ist auch mein erster Gedanke, als ich nach einem geselligen Abendessen aus dem Haus meiner Gastgeber trete.

Vielleicht hat jemand den Müll durcheinandergebracht. “Schau, ich kann wieder gehen!”, ruft ein weiterer Passant. Warum hier Krücken herumliegen, bleibt ein Geheimnis.

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Weggekarrt

Monday, 30. August 2010 21:22

Es sieht so aus, als sei bald Feierabend. Und zwar nicht nur der übliche Schichtwechsel zwischen den Coffee Carts, die überall in New York frühmorgens Kaffee und Gebäck verkaufen, und den Lunch Carts, die von Mittag bis zum frühen Abend Hot Dogs oder Kebab braten.

Sondern so richtig Feierabend. An der Ecke haben sie gerade die neuen Buchstaben am Laden angebracht. In einer der beiden Glastüren hängen noch die alten. “Pharmacy” steht da. Die Drogerie, die auch ein bisschen Kinderspielzeug und Kram hatte, ist schon länger geschlossen. Gegenüber hat vor einer Weile eine der großen Drogerie-Ketten eröffnet, die heute im Eingang damit wirbt, dass man bitte all die neuen Lebensmittelangebote beachten soll. In der ehemaligen kleinen Drogerie wird bald ein Starbucks eröffnen, zwei einhalb Häuserblocks vom nächsten entfernt. Deutliche Zeichen für die Gentrifizierung dieser Gegend.

Ein paar Schritte weiter östlich steht vormittags ein Coffee Cart. Als ich vorbeikomme, hat er einen Platten. Der Mann am Reifen ist sauer. Er hat Schilder geschrieben und hinter eine der Glasscheiben geschoben, die seine Kunden von Muffins, Doughnuts, Croissants und Bagels trennen. Darauf steht etwas über den kommenden Starbucks. Und über die kleinen Geschäftsleute. Aber die Schilder sind ineinander gerutscht, alles ist durcheinander geraten. “Haben Sie Arbeit?”, fragt der Mann und wartet die Antwort erst gar nicht ab. “Genießen Sie es. Es wird nicht so bleiben.”

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Blaues Wunder

Sunday, 29. August 2010 22:40

Im August verlassen viele New Yorker die Stadt. Sie haben ein Häuschen in den Hamptons (oder in Montauk), auf Fire Island oder irgendwo in Upstate New York. Man muss aber die Stadt gar nicht verlassen, um ins Grüne zu kommen. In diesem Falle eher ins Blaue.

Broad Channel liegt in einem kleinen Stückchen von Queens, nicht weit vom JFK-Flughafen und kurz vor Far Rockaway (wo der lange Strand ist). Hier haben die Leute Boote vor der Garage stehen und statt Vorgarten einen Steg.

Man kennt sich untereinander, grüßt freundlich, dekoriert Veranda, Briefkasten und Fenster gerne mit maritimen Motiven, als wollte man Besucher beeindrucken. Aber Broad Channel ist eben auch ein New Yorker Stadtteil. Die Idylle muss also mit irgendetwas gebrochen werden. Das habe ich ganz vergessen, als ich an einem Haus vorbei komme, an dem zweifelhafte Gestalten laut Musik hören und ein Schild über dem Kellereingang hängen haben, dem zu entnehmen ist, dass man gefälligst sein eigenes Bier mitbringen soll. Das lenkt meine Aufmerksamkeit darauf, wie aggressiv der verschlafene Stadtteil auf Eigentum pocht. Überall steht “private property” – und parken darf man auch nirgends. Schon gar nicht gegenüber von den Biertrinkern.

Dass es hier rau zugeht, hätte mir eigentlich klar sein müssen. Zu Beginn meines Rundgangs hatte ich schließlich einen Nachmittagsimbiss. Es gab einen unfassbar satt machenden, vermutlich 3.478 Kalorien sprengenden Schokoladen-Streusel-Kuchen, zusammen mit einem Tee, auf dessen Beutelverpackung zwar “Grüner Tee” stand, der aber das Wasser rot färbte und nach Hibiskus schmeckte. Und das alles gab es in einem Laden, der mir in diesem Moment noch deplaziert erschien.

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Manhattan in Manhattan

Saturday, 28. August 2010 23:06

Der Sommer ist fast vorbei. Es soll zwar morgen wieder über 30 Grad warm werden. Aber viele Open Air-Kulturprogramme hören jetzt auf. Und weil ich in dieser Saison noch nicht einmal draußen im Kino war, wird es jetzt Zeit. Ein paar Minuten vor Beginn finde ich ein Plätzchen auf dem Frisbee Hill im Central Park.

Das Central Park Film Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto “Iconic New York”. Heute, am letzten Abend, hatte das Publikum die Wahl – und sich für einen wahren New York-Film entschieden: Mit “Manhattan” zeigt Woody Allen, welche Ikonen die Leute 1979 mit der Stadt verbunden haben. Nach einer Bilderschau mit der Insel in der Hauptrolle kommt auch die Anfangsszene nicht aus dem Studio – sie wurde in einem Lokal gedreht, in dem Woody Allen tatsächlich verkehrt.

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Von wegen Schmelztiegel

Friday, 27. August 2010 22:34

Ein Taxifahrer ist das große Gesprächsthema fürs Wochenende. Der Einwanderer aus Bangladesh hatte in Midtown einen 21-Jährigen aus einer Kleinstadt im Staat New York gefahren. Der hatte den Taxifahrer während des Smalltalks gefragt, ob er Moslem sei, daraufhin Witze über den Ramadan gemacht und ein Messer gezogen, mit dem er den Taxifahrer am Arm, im Gesicht und am Hals verletzte. Wenige Stunden später war er gefasst. Der Taxifahrer hat das Ganze überlebt. Der Angreifer ging hinter Gitter, eine Kaution wurde nicht ausgeschrieben, die Anklage lautet auf versuchten Mord und das, was man hier Hate Crime nennt.

Hier in New York brennt gerade eine heftige Debatte über Pläne, ganz in der Nähe der World Trade Center Site ein Gebäude abzureißen und eine Moschee (samt islamischem Kulturzentrum) zu bauen. Die Gegenargumente reichen von albern (plötzlich entdecken diejenigen, die sich bis dato mit Begeisterung für Neubauten aussprachen, den Denkmalschutz) bis hässlich (Tenor: Dann haben diese Terroristen doch gewonnen). Einige Medien haben da einen Zusammenhang zum Taxiüberfall gesehen. Das ist ein Grund dafür, warum der Taxifahrer sich noch einmal zu Wort meldete: Es sei kein Wort über die Moschee gefallen. Er sei angegriffen worden, nachdem er die Frage bejaht hatte, ob er Moslem sei. Daraufhin habe der Angreifer gesagt: “Betrachte dies als Checkpoint”.

Als sei das nicht schon unheimlich genug, stellt sich heraus: Der junge Mann ist Student, und arbeitet seit einiger Zeit an Doku-Videos zum Thema “Post-traumatische Belastungsstörungen”. Im Frühjahr hatte er an einem Programm teilgenommen, das Journalisten mit den Marines nach Afghanistan reisen lässt. In seinen Aufzeichnungen darüber, die er (ebenso wie eine leere Flasche Schnaps) in der Tasche hatte, als man ihn aufgriff, ist nicht ein einziges Zeichen von Hass oder rassistischer Gesinnung zu finden. Nun spekulieren manche, ob er wohl in Afghanistan etwas gesehen hat, das ihn durchdrehen ließ. Oder ob er am Ende seine ganze Recherche über die psychischen Probleme der Kriegsveteranen deshalb machte, weil er selbst unter PTSD leidet. So oder so wurde er soeben ohne offizielle Begründung in die Psychiatrie verlegt.

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Rezession

Thursday, 26. August 2010 19:03

Sie haben hier ja schon gedacht, die Wirtschaft habe sich wieder von der Krise erholt. So stand es in den Zeitungen, so sprachen kluge Menschen. Aber das stimmt nicht. Und das kann man überall in New York sehen.

Das hier ist keine Boutique in einer schicken Gegend. Es ist ein Discounter in East Harlem, eines von diesen Geschäften, die zum Teil Konkursware verkaufen und fast ständig mit “Alles muss raus” werben. Aber jetzt und hier ist der Spruch ernst gemeint. Wie bei vielen anderen auch.

Ich arbeite gerade an einer Geschichte, die sich mit solchen Leerständen befasst – und mit einem ungewöhnlichen Konzept. Nächste Woche mehr davon.

Update: Zum Beispiel hier.

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Nadel ohne Heuhaufen

Wednesday, 25. August 2010 18:55

Sie sind ein merkwürdiges Gespann. Zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann gibt den New York-Kenner, die Frau gibt sich unbeeindruckt, der andere Mann gibt gar nichts von sich. Ich glaube nicht, dass er das fünfte Rad am Wagen ist. Ich glaube auch nicht, dass einer von ihnen gerade versucht, bei der Frau zu landen. Vielleicht sind sie verwandt. Oder verheiratet. Manchmal lässt sich das schwerlich unterscheiden.

Ich bemerke sie, als der Kennermann in meine Richtung zeigt und ruft: “Da ist der Obelisk!” Damit meint er nicht mich. Ich war gerade dabei, Krabben in einer hochgelegenen Nische zu fotografieren, und wirke dabei vermutlich ganz schön klein.

Schon kommen die drei den Pfad herauf. Die Frau und der Schweigsame schlendern auseinander, während der Kenner erneut das Wort erhebt: “Es ist aus dem Jahr 1450 vor Christus”, und dann geht es weiter damit, wie der Obelisk hier in den Central Park kommt.

Das alles weiß der Mann nicht einfach so. Er steht direkt vor der Erläuterungstafel, auf der ich eben noch gesehen habe, dass das Ding auch “Cleopatra’s Needle” genannt wird. Aber das sehen seine beiden Begleiter gar nicht. Die schlurfen außer Sichtweite. “Für die Inschrift gibt es eine Übersetzung”, sagt Kennermann etwas lauter, und ich kann nicht sehen, ob die beiden anderen beflissentlich hinaufschauen. Er scheint davon auszugehen. Er liest alles vor, was er findet. Ich stehe inzwischen auf der anderen Seite und lese eine ellenlange Aufzählung von ehrerbietigen Namen für die beiden Könige, die sich nacheinander hier verewigen ließen.

Als der Kenner mit dem kulturellen Erlebnis zufrieden ist, bedeutet er den anderen, dass es jetzt weitergeht. Die Frau kramt in ihrer Tasche und fällt dabei hinter die beiden zurück. Dann ruft sie. Natürlich den Kenner. Mit frag-mich-einfach-Miene dreht er sich um. “Ich finde mein Handy nicht”, ruft sie ihm über den Pfad zu. Er rührt sich nicht, es scheint ihn auch nicht weiter zu interessieren. Das wäre vermutlich anders, wenn sie eine Granitnadel suchte. Die Frau steckt noch einmal ihre Hand in die Tasche, als hätte sie meine Gedanken gehört, doch dann schreit sie dem Kenner hinterher: “Ruf mich an!”

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