Beiträge vom May, 2010

Pendeln mit Pedalen

Sunday, 30. May 2010 19:37

Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, dass dieses Plakat ausgerechnet in der U-Bahn-Station hängt.

Auf den zweiten Blick ist es das nicht. Ich stehe an einer Haltestelle, die zum G-Train gehört. Die Linie hat es geschafft, dass Leute aus gewissen Teilen Brooklyns anfangen zu stöhnen, wenn man bloß einen Buchstaben sagt. G ist beinahe Synonym für Verspätung, Zugausfall, Warten auf den Shuttle-Bus. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich den Anblick dessen, was das Problem verursacht, wunderschön finde.

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Warentausch

Saturday, 29. May 2010 18:36

Auf die Kleider muss man aufpassen. Die sind sofort weg.

Zur Saisoneröffnung im Brooklyn Yard veranstalten die Damen von Mean Red Productions “Score! The Pop-Up Swap”. “Swap” heißt “tauschen”. Bei der gleichnamigen Veranstaltung bringt man also Dinge mit, die man loswerden möchte, und nimmt sich dafür andererleuts Aussortiertes. Die Veranstalter haben eine Horde Helfer engagiert, die am Drop-Off die Frühjahrsputzopfer annehmen und vorsortieren.

Dann bringen sie sie zu den Stationen, zum Beispiel Bücher und Medien (CDs, DVDs und so was). Und da nimmt man sich dann, was man haben möchte. Es ist wie Einkaufen ohne Geldsorgen, und was übrig bleibt, geht an die Wohlfahrt.

Es gibt auch Haushaltswaren, Elektroteile (u.a. einen Kompressor) – und natürlich Kleidung. Auf Leinen zwischen den Bäumen hängen Hosen, Hemden, auf der einen Seite für Männer, auf der anderen für Damen, Kinderkram dahinter. Weiter hinten kreisen Frauen wie Männer um Schuhe und einen Tisch mit Accessoires.

Auf Bänken liegen Jeans aus, in mehreren Kisten stecken Damen-T-Shirts. Da in der Ecke geht es so heiß her, dass ich keine Fotos mache (ich habe keine Hand frei). Die Kleider gehen sofort weg. Immer stehen ein paar Frauen in der Nähe der Leine, und kaum kommt eine Helferin mit einem Arm voller Neuzugänge, sind sie auch schon wieder abgepflückt. “Hier, habt ihr was”, sagt eine Helferin, die mit neuen T-Shirts kommt, und stellt einfach die ganze Kiste ab als wäre sie ein Hundenapf. Von dem Gedanken bekomme ich Appetit.

Ganz wie in Berlin sehen die Leute, die hier das echte deutsche Essen verkaufen, gar nicht so aus, wie man sich Berliner vorstellt.

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All Ages

Wednesday, 26. May 2010 23:19

Ich habe schon so einige Schlachtrufe gehört. Nicht in einer Schlacht, zum Glück. Aber auf Konzerten.

Neulich erst habe ich bei der Gelegenheit gelernt, was “Ausziehen, ausziehen!” auf Englisch heißt. Das war recht ungewöhnlich (zuerst rief es ein Mann dem Sänger zu, dann stimmte ein hysterischer Frauenpulk ein, und schon gab es Sprechchöre, bis der europäische Musiker behauptete, in Amerika sei es illegal, wenn er jetzt sein T-Shirt fallen ließe). Aber das, was ich jetzt höre, finde ich einmalig.

“Grandma, Grandma, Grandma!” schallt es über den ausverkauften Rumsey Playfield im Central Park. Ein paar Sekunden zuvor sind Coheed And Cambria für eine Zugabe auf die Bühne gekommen. Ihr Gitarrist sagt, er mache so etwas sonst nicht, aber diesmal sei es etwas Besonderes. Und er möchte das folgende Lied seiner Großmutter widmen. “Grandma, this is for you. Thanks for coming to this madness.”

Und dann bekommt Oma ein hübsches Ständchen, mit Sprechchören garniert. Das Etikett “all ages show” richtet sich trotzdem eindeutig nach unten.

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Wein in Bewegung

Tuesday, 25. May 2010 18:47

Vielleicht bin ich dadurch bloß besonders aufmerksam geworden, und es ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Ich habe letztes Jahr Freunde damit unterhalten, dass es hier Wein mit dem folgenden Etikett  gibt (auch in Rot erhältlich):

Aber ich sehe immer mehr Rezessionswein. Buchstäblich, so stand es als Werbung an einem Regal. Oder “10 under 10″, also zehn vom Laden empfohlene Weinsorten unter zehn Dollar, hübsch präsentiert und mit gewitzten Slogans und Beschreibungen versehen. Im nächsten Geschäft laden die Sonderangebote dazu ein, größere Flaschen zu kaufen (und werben mit europäischen Litern).

Hinter mir betritt eine resolute Dame den Laden. Noch bevor der distinguierte Verkäufer sie zu Ende begrüßt hat, sagt sie sehr laut: “You moved my wine!” Er lächelt beruhigend, ganz klar der Typ, der hier das Träubchen im Fass finden würde, und fragt, welcher das denn wohl war. “It begins with a D”, sagt die Dame. Und während er sie zu einem Regal geleitet, erklärt er lachend, dass sie den Wein ab und zu woanders hinstellen, damit sie auch etwas Neues entdeckt. Das interessiert die Dame aber nicht. Zufrieden greift sie sich ihren Wein mit dem D und sagt: “It’s good for my cholesterol.”

Auf die Gesundheit, denke ich mir, kann mich dann aber doch nicht dazu überwinden, mich an einer zur Zeit echt angesagten Weinmode zu versuchen: sehr stylish in Karton verpackt. Für einen Moment bin ich in Versuchung, den Verkäufer nach einem Wein zu fragen, der mit C anfängt.

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Achtung, selbstgemacht!

Sunday, 23. May 2010 20:23

Ich hatte mir Piroggen immer viel krümeliger vorgestellt. Aber erstens schmecken sie trotzdem super, und zweitens garnieren sie das Bild vom Melting Pot so fein.

Ich bin im Polnischen Heimatverein – oder wie auch immer so etwas in Deutschland heißen würde. Den gibt es seit gut hundert Jahren, und, Gentrifizierung sei dank, koexistiert er seit ein paar Jahren friedlich mit der Rock’n'Roll-Jugend, die den Stadtteil überschwemmt hat (was Probleme mit sich bringt; hier in der Nähe sprach mir und einigen Begleitern neulich eine Ureinwohnerin, die spätabends noch mal ihren Hund rausließ, ihr begeistertes Wohlwollen aus, weil wir die ersten waren, die ihr nüchtern entgegenkamen).

Die Räumlichkeiten von Warsaw bespielen heute die netten Leute von BUST, einem Selbermach-Magazin für die postfeministische Generation. Und das heißt: Fauxhemiens, Hipster, Fashionista und Designbrillenträger schieben sich an Ständen mit DIY-Kettchen, -Kleidung, -Keramik, -Postkarten, -Seifen und so weiter vorbei, während lauter Garagenrock aus den Boxen dröhnt.

So nämlich macht man das, wenn man die örtliche Designszene nach vorn bringen will. Und nicht nur das: Die Selbermacher denken sich so einiges aus, um ihre Sachen in Szene zu setzen. Diese Dame hier etwa setzt ausgesuchte Ohrringe in, tja, was sind das: alte Lampen? Ich komme nicht zum Zug, sie danach zu fragen, weil sie verkauft wie hulle.

Das alles heißt nun aber nicht, dass die Menschen, die hier gerne ihre polnischen Wurzeln feiern, für heute draußen bleiben müssen. In der Cafeteria ist zwar ein überhipper Kaffeestand aufgebaut. Aber über Eck steht ein schlichter Tisch, eine mittelalte Polin mit beeindruckend aufgetürmtem Blondhaar nimmt dahinter die Bestellungen für Piroggen mit oder ohne Wurst und Sauerkraut auf, verschwindet für ein paar Minuten in der Küche und schleppt Teller heran. Zwischen den Leuten aus dem Kreativmarktpublikum, direkt vor dem schicken Kaffeestand, wirkt ein älterer Herr etwas verloren. In Wahrheit ist er auf zack und besorgt blitzschnell neues Wechselgeld, wenn das Geschäft der blonden Küchenchefin ins Stocken gerät.

Ich frage mich, ob die Leute hier wissen, dass im deutschen Segler-Latein das Wort “Warschau” so etwas wie “Achtung, Vorsicht!” bedeutet. Und wieso das eigentlich so ist, das wollte ich auch schon immer mal wissen.

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Wunderland

Friday, 21. May 2010 23:59

Ich bin in keinen Brunnen gefallen und muss durch keinen Tunnel kriechen. Aber ich finde mich in Situationen wieder, die mir niemand als sonderlich wahrscheinlich vorausgesagt hätte. Und sie alle haben mit Begegnungen zu tun. Und mit Alice im Wunderland.

Der Reigen beginnt bei Alice’s Tea Cup, einem Café im Alice in Wonderland-Stil. Mit märchenhaften Kleidchen an der Wand und durchscheinenden Schmetterlingen unter der Decke. Und mit anständigem Tee. Dort treffe ich Mone. Ich kenne sie nicht, sie kennt mich nicht, und den Kontakt zwischen uns hat jemand hergestellt, den weder Mone noch ich je gesehen haben. Was uns drei vereint, ist das Schreiben. Und bald stellt sich heraus, dass irgendetwas unsere Fantasien verhakelt hat, jedenfalls bekomme ich in dem Moment, in dem ich mit der jungen Dame beim Tee sitze, eine E-Mail von dem Herrn, der uns einander empfohlen hatte, und dann gibt ein Wort das andere, bis wir schließlich ein Geschäftskonzept für eine Bowlingbahn mit Abenteuer-Touch (samt ausufernder Merchandise-Linie) ausgedacht haben sowie eine Serie namens “The Brian Show”, die parallel über Blogs, Facebook, Meetups und im Fernsehen läuft.

Auf dem Rückweg begegne ich einem Menschengrüppchen. Eine recht korpulente junge Frau, ihr gegenüber eine sehr, sehr ausladende Ältere, ein spirreliger Jüngling und zwischen ihnen ein Kleinkind im Kinderwagen. Es ist kurz vor zwei Uhr nachts. Die jüngere Frau redet fast ununterbrochen, die ältere grunzt ab und an dazu, der Jüngling macht Bemerkungen und lacht. Das Kind schaut von einem zum anderen und sucht Reaktionen. Die Erwachsenen kümmern sich nicht darum. Das Kind nickt vor sich hin, schaut wieder hierhin, dorthin. Dann beginnt es, mit den beiden Keksfragmenten, die es in jedem Fäustchen hält, zu sprechen. Erst als ich aussteigen muss, fange ich seinen Blick. Ich strahle es an. Eine andere Frau winkt. Sein völlig verwirrter Gesichtsausdruck verfolgt uns auf dem Weg nach draußen.

Auf dem Parkplatz der Washington Houses steht ein anderes Grüppchen. Männer, deren übergewichtige Leiber sich fast bedrohlich gegen das Licht der Straßenlaterne abheben. Ihre dröhnenden Stimmen höre ich bei geschlossenem Fenster. Einer greift durch das heruntergelassene Fenster des Autos, um das sie herumstehen, und dreht an der Musikanlage. Dann höre ich “Girls Just Wanna Have Fun”.

Keine Ahnung, was die Grinsekatze dazu gesagt hätte.

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Katzenwäsche?

Thursday, 20. May 2010 20:10

Gerade bin ich über die Brücke über den East River gelaufen, um auf Wards Island einen Lunch-Spaziergang zu machen. Auf der Insel steht das Manhattan Psychiatric Center, umgeben von einem hohen Zaun, einen Großteil vom Rest der Insel hat man seit Anfang der 90er zu einer öffentlichen Grünflache gemacht. Ich richte mich nach Nordwesten, auf der anderen Seite des Wassers ragen die rötlichen Wahrzeichen-Wolkenkratzer von El Barrio, der Verkehr vom FDR rauscht da drüben unbekümmert dahin, hier klingt es wie leichter Wind. Es ist es fast friedlich.

Fast. Denn auf Wards Island sind heute fleißige Helfer der Parkverwaltung damit beschäftigt, Rasen zu mähen oder Kanten zu beschneiden. Eine Frau mit einem solchen Gerät nickt mir kurz zu. Vom Wasser her kommt ein Mann dazu. Er sagt: “I washed my cap.” Vielleicht aber auch “I washed my cat”. Ich bin mir da nicht so sicher. Sicherheitshalber sage ich gar nichts und gehe weiter.

Auf der kleinen Brücke rüber zu Randall’s Island (die beiden Inseln sind außerdem seit langer Zeit durch eine Aufschüttung mit Schutt und Sand verbunden) quatscht mich ein Radfahrer voll. Er erklärt mir, wie die Welt immer schlechter wird und dass die Kinder von heute überhaupt nichts mehr von der Natur wissen, und da kommt wie auf Kommando ein zweisprachiger Erziehungstrupp mit etwa Zehnjährigen angetrabt, die Anführer haben sogar Schlüssel für den Zugang auf das Marschland.

Die Angler, die ich danach treffe, entsprechen dem Klischee. Sie sind still.

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Kaputt

Tuesday, 18. May 2010 23:10

Es ist eine der Parallelen zwischen New York und dem Ruhrgebiet (in dem meine Wurzeln liegen): Manche Leute, gar ganze Institutionen, engagieren sich dafür, aus verrottenden ehemaligen Industrieflächen etwas Schönes zu machen.

Fresh Kills war eine der größten Müllkippen der USA. 2001 wurde sie geschlossen, nur kurz noch einmal geöffnet, um den Schutt vom World Trade Center zu verschlingen. Und jetzt versuchen sie, aus dem Gelände einen Park zu machen, der größer werden soll als der Central Park.  Die New Yorker Parkverwaltung denkt sich ohnehin viele Sachen aus, die man machen kann. Für Fresh Kills sind das neben Führungen (es haben sich längst wieder viele Pflanzen und Tiere angesiedelt) unter anderem auch Vorträge. Zum heutigen will ich unbedingt, weil der Gast des Abends Nathan Kensinger ist.

Der Fotograf hat sich auf kaputte, wassernahe Industriegelände spezialisiert. Er zeigt Bilder von Fresh Kills und anderen Orten in der Nähe, alles auf Staten Island. Ein zerfallendes Krankenhausgebäude, in dessen Schutt noch Teile einer Puppe liegen. Eine Bahnlinie, die seit Jahrzehnten vor sich hin rostet. Und einen Grasberg, der ganz natürlich aussieht, aber von Menschenhand gemacht ist: Landschaftsarchitektur aus Müll.

Nathan stellt zweimal im Moment Fotoserien in seinen Blog, deren Poesie ich mich schwerlich entziehen kann – eine davon enthält einige der Bilder, zu denen ich heute auch seine Geschichten gehört habe. Was er da tut, ist gefährlich. Und oft illegal. So drückt er das nicht aus, er sagt auf Nachfrage vorsichtig, die Orte seien nicht unbedingt öffentlich zugänglich. Neulich hat er einem japanischen Filmteam ein paar seiner Lieblingsorte in Brooklyn gezeigt – und da kam die Polizei. Das, so sagt er, hätten die Japaner mal filmen sollen, es wäre doch super für die Doku gewesen.

Ich würde mich nicht trauen, in einbruchgefährdeten Gebäuden herumzuspringen. Aber immerhin ist das Wetter heute passend zu seinen Geschichten, und so kann ich wenigstens ein Stimmungsbild vom Weg zum Vortrag liefern.

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Dancing in the Streets

Sunday, 16. May 2010 23:59

Dafür sperren sie die Straßen: Street Fairs sind eine beliebte Sache in New York. Einige finden regelmäßig jeden Samstag und Sonntag statt, und sobald das Wetter auch nur ansatzweise gut ausschaut, sind sie voll. Obwohl es da im Grunde immer dieselben Sachen gibt: Paschmina-Schals, Billigschmuck, Fressbuden, Schnickschnack. Wer etwas besonders sucht, muss sich eben auskennen.

Und zum Beispiel zur rechten Zeit auf der Ninth Avenue eintrudeln, wenn es heißt: internationale Küche ausprobieren. Da gibt es äthiopischen Linseneintopf (und am selben Stand Spinatquiche, was mir nicht ganz so landestypisch vorkommt, aber ich war ja auch noch nie in Äthiopien). Ein paar Schritte weiter liegen griechische Baklava aus. Im nächsten Block brät ein Elefantenohr vor sich hin. Und mittendrin gibt es einen Stand mit sehr gutem alten Soul (ohne Food). Der plärrt aus den Boxen – und die Leute tanzen dazu.

Schräg gegenüber stehen junge Leute in Reih und Glied und kaufen Techno, der angeblich extra von DJs zusammengestellt wurde. Sieht total uncool aus.

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Lebendig ohne Lebensretter

Saturday, 15. May 2010 19:56

Oh, wie ich diese Jahreszeit in New York mag. Der offizielle Sommer fängt am Memorial Day an. Vorher wird es auch schon warm, aber das zählt nicht für die Massen. Es ist Vorsaison. Und da mache ich besonders gern etwas, das Touristen überhaupt nicht mit New York verbinden: Ich fahre an den Strand.

Offenbar sind die Wolkenkratzer so mächtig, dass man leicht vergisst: New York liegt am Meer. Manhattan ist eine Insel, zwar nur in einem Fluss. Aber es gibt ja noch andere Stadtteile. Und viele schöne Strände, und wir reden jetzt nicht von den schicken Hamptons. Dieser Strand hier ist in Far Rockaway, weit draußen in Queens, und wenn der Wind entsprechend steht, sieht man hier Flugzeuge den JFK-Airport anpeilen. Sonst ist nichts los. Die Lebensretter schieben erst ab Ende Mai (Memorial Day, wie gesagt) Dienst, und dann erst kommen die Schwimmer.

Was aber nicht heißen soll, dass aus dem Meer nichts angeschwommen kommt. Ich arbeite an einer Fotoserie mit Treibgut, und zu meinen heutigen Funden zählen eine total verbeulte Plastikflasche und der merkwürdig zerschredderte Boden einer Dose. Und dieses possierliche Tierchen.

Ein paar Fliegen surren drumherum, und ich denke, tja, es waren halt noch keine Lifeguards zur Stelle. Ich gehe näher ran. Aber dann bewegt sich das Tier auf einmal, bläst sich auf und fällt in sich zusammen, als hätte es entnervt geseufzt. Es sieht nicht freundlich aus. Ich trau dem Ding nicht. Später sehe ich eines, das gerade angeschwemmt wird und dabei auf den Rücken trudelt. Ganz schön viele Beine oder Arme oder Stacheln oder was auch immer kribbeln da die Luft. Ich wünschte, die Lebensretter wären schon da, damit ich die fragen könnte, was das denn bitte für ein Wesen ist – und ob es den Strandaufenthalt normalerweise überlebt.

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Mitten in den Nachrichten

Friday, 14. May 2010 1:16

Genau wie die anderen denke ich, das sei ja albern. Oder ein Scherz.

Mitten im Konzert der Buzzcocks liest Sänger Pete von einem Zettel ab, dass der Fahrer eines Wagens gesucht wird. Mitten im Song, um genau zu sein.

Kurz danach flimmert die Nachricht auch über die Monitore, nach dem Konzert steht sie auf einer Leinwand direkt vor der Bühne.

Als Schlagzeuger Danny mich wie besprochen in den Backstagebereich abholt, sagt er: Ich glaube nicht, dass wir hier lange bleiben können. Die sprengen da draußen. Auch das halte ich für einen Scherz. Daraufhin zerrt er mich an ein kleines Fenster, ich muss auf eine Couch steigen, um hinausschauen zu können.

Draußen stehen sehr viele Wagen von Polizei und Co, der Block scheint weiträumig abgesperrt zu sein. Ich frage Danny, was genau ihnen auf der Bühne gesagt wurde. Er sagt: Da sei ein Wagen mit Propangasflaschen geparkt, und man hätte sie gebeten, diese Suchmeldung vorzulesen. Außerdem hätte es geheißen, dass sie eventuell ihr Set verkürzen müssen, damit die Leute evakuiert werden können. Oder dass sie länger spielen müssten, damit die Leute nicht vor die Tür gehen.

Ich war eine von diesen Leuten. Ich gehe mit Danny zusammen raus. Wir dürfen unsere Drinks nicht mitnehmen. Alkohol trinken auf der Straße ist schließlich verboten. Aber draußen stehen und schauen, das dürfen wir. Und wir fragen uns, ob wir nicht besser so weit wie möglich von hier fort sollen. Wir suchen uns einen ruhigen Ort, an dem wir unser Gespräch fortführen können. Später hören wir, dass nichts passiert ist. Und da erst erzählt Danny mir, dass er auf der Bühne kurz überlegt hat, ob er abhauen soll. Aber dann habe er gedacht, wenn er schon sterben müsse, dann doch beim Schlagzeug spielen. Buzzcocks or die, versuchen wir lachend. Es ist aber nicht lustig. Jetzt ist ihm dieser Gedanke irgendwie peinlich. Mir geht es genauso. Ganz genauso. Wenn da wirklich eine Bombe losgegangen wäre, wäre das letzte, was man von mir gefunden hätte, eine E-Mail gewesen, in der steht, wie glücklich ich gerade bin, was ich in dieser Nachricht mit mehreren Musik-Erlebnissen binnen der letzten 24 Stunden verbinde.

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