Beiträge vom June, 2010

Primatentraining

Wednesday, 30. June 2010 19:51

Die Schilder nutzen nichts. “Please keep your voice down. Then you will see the birds”, steht da. Aber um mich herum ist nur Geschrei im Vogelhaus. Der Bronx Zoo ist brechend voll. Es hat sich nach zwei Wochen Hitzewelle erstmal etwas abgekühlt, und mittwochs braucht man nur so viel Eintritt zu bezahlen, wie man will. “Oh, you want to donate?”, fragt die Frau am Einlass erstaunt. An anderen Tagen kassiert sie 16 Dollar.

Im Affenhaus ist es auch laut. Hier erklären Schilder, dass die Gerätschaften, die nicht nach Dschungel aussehen, dazu gedacht sind, die Affen an etwas zu gewöhnen. Mit dem Käfig übt das Personal mit ihnen für Fällen, in denen die Tiere transportiert werden müssen, und mit Plattformen lernen sie stillhalten – für die Waage. Mir schenken die Schilder das wunderbare Wort Primatentraining – und einen Anblick, dessen Komik ein junges Pärchen im selben Moment entdeckt wie ich:

Das ist natürlich keine Primatin, sondern die junge Frau gehört zu einem Team, das das Hintergrundbild in einem leeren Gehege aufpinselt.

Dann komme ich am Eisbären vorbei. Der trägt einen Plastikbecher, und ich überlege, ob wohl ein übermütiger Besucher da Experimente machen wollte und ich das Personal verständigen soll oder ob der Becher offizielles Trainingszubehör ist.

Schon rückt der Eisbär zum Wasser vor, beugt sich drüber und lässt den Becher hineinplumpsen. Er springt elegant hinterher, taucht auf und schaut ins Publikum. Für einen Moment frage ich mich, ob er sich solche Tricks von den Seelöwen abgeschaut hat, aber die sind viel zu weit weg.

Auf dem Rückweg denke ich gerade, dass das jetzt aber ein Primatentrainingslauf für mich wird – am Gehsteig vor dem Ausgang stehen mehrere der großen Eiswagen, die mit Gedudel auf sich aufmerksam machen, und auch ein paar von den kleinen Karren, in denen drei Sorten Eis durch die Gegend gezogen werden können. Den Raum dazwischen füllen sehr viele Menschen in allen Größen und Geschwindigkeiten, es kommt mir von weitem vor wie ein Videospielparcour. Aber dann komme ich näher. Sehe die Polizisten. Und das hier:

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Moment mal:

Monday, 28. June 2010 19:47

Mit irgendwelchen Unfällen kann ja jeder Schlagzeilen machen. Die machen hier einen beachtlichen Teil der Nachrichten aus. Trotzdem haben es heute zwei Meldungen geschafft, meine Aufmerksamkeit zu wecken: “Prince Harry falls from horse”. Und “Biker hits bear in New Jersey”. Damit schlagen die Überschriftenschreiber ja wohl um Polofeldlängen sowohl den instabilen chinesischen Reissack als auch den bissigen Mann mit dem Hund. Übrigens haben sich weder Prinz noch Pferd noch Biker noch Bär ernstlich verletzt.

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Aftershave

Sunday, 27. June 2010 23:44

Mitten auf dem schicken Markt steht ein Mann und rasiert.

Seine Klinge schabt an einem Eisblock entlang. Das Ergebnis nennt er folgerichtig “Shave Ice”. Es sieht so aus wie die in New York beliebten Snow Cones – wie der Name schon sagt: Kugeln aus Schnee, der wiederum entsteht, wenn man Eis sehr fein zerkleinert, üblicherweise mit einem Eiscrusher. In beiden Fällen kommt der Geschmack aus der Sirupflasche und wird einfach oben drüber gegossen. Beim Eis am Stiel bekommt man hier etwas mehr Geschmack aus echten Früchten (und weniger Süße). Die Schlange bei der Kollegin des Eisrasierers ist genauso lang. Und auch an anderen Ständen kommt ein Popsicle gut an.

Am längsten stehen die Leute auf dem New Amsterdam Market, dessen Saison heute eingeläutet ist, aber woanders an: Bei Luke’s Lobster. Die Leute hier lieben Hummer. Aber bitte nach New Yorker Gusto. Also nicht als ganzes Tier auf einem Teller, neben dem Spezialbesteck wartet, und dann dauert es ewig, bis man das Teil geknackt hat. Sondern laufschrittkompatibel auf die Hand und mit Brötchen. Die Lobster Roll (14 Dollar; kleine Portion acht Dollar) ist sozusagen der Hot Dog für Angeber.

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Eine Menge Holz

Friday, 25. June 2010 21:17

Dieses Bild ist echt. Wer vor hier aus über den halben Central Park nach Süden blickt, dem hängen ein paar Holzstangen in der Perspektive. Bambusstangen, um genau zu sein. Und es werden immer mehr. In einer versteckten Ecke des Metropolitan Museums, die nicht öffentlich zugänglich ist, schneiden zwei Helfer weitere Teile der Riesengräser zurecht.

Zwei Kolleginnen hocken derweil angeseilt im Dickicht und legen die Wasserwaage an. Sie ziehen gerade eine neue Stufe ein. Überall kann man sehen, dass die Stangen mit Seilen zusammengezurrt sind, wie sie Kletterer verwenden. Und Kletterer sind es auch, die hier die Helferjobs bekommen haben.

Und das hält. So gut sogar, dass man hinaufsteigen darf – aber nur mit einem Führer. Und explizit ohne Flipflops, Tasche oder Kamera. Herzkasperpatienten, Menschen mit Höhenangst und Vertigo sollen bitte unten bleiben, außerdem weisen die Richtlinien dezent darauf hin, dass Hosen die beste Kleiderwahl darstellen – man sieht die Klettergrüppchen schließlich von unten.

Was nach Abenteuerspielsplatz klingt, ist in Wahrheit die Installation “Big Bambú. You can’t, you don’t and you won’t stop” im Metropolitan Museum of Art (meinem Lieblingsmuseum; nicht zu verwechseln mit dem MoMA). Jeden Sommer gibt es hier oben eine Sonderausstellung. Diese bleibt in Bewegung. Bis zum Herbst lassen die Künstler, die Zwillinge Doug und Mike Starn, die Holzkonstruktion erweitern.

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Fußballfans mit Hintergedanken

Wednesday, 23. June 2010 19:04

Ken war mir am Freitag schon aufgefallen. Er trägt ein Trikot der US-Mannschaft, steht am Tresen und feuert in amerikanischer Lautstärke die deutsche Mannschaft an. Nach dem Tor nutze ich die Gelegenheit, schnell aufs Klo zu verschwinden. Als ich auf dem Rückweg an Ken vorbeikomme, ruft er mir hinterher: “Ey, are you German?” Erwischt. Ich hatte mich mit zwei Touristen in meiner Muttersprache unterhalten. Ich sage Ken, dass ich mich beim letzten Mal schon gewundert habe und jetzt gerne wissen möchte: Warum hält er immer so vehement zu den Deutschen? “Weil wir nicht gegen euch spielen wollen”, sagt er. “Das ist zu schwer.”

Sein Wunsch wird erfüllt, die USA werden gegen Ghana antreten. Er ist nicht der einzige, der den Deutschen mit einem Hintergedanken Glück wünscht. Nach dem Spiel sagt Louise, eine der nettesten Barfrauen der Gegend, zu mir: “Gut gemacht. Und jetzt tretet ihr den Engländern mal so richtig in den Arsch.” Louise ist Irin.

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Fast verlobt

Tuesday, 22. June 2010 23:23

Ein Mann wirft mir einen gequälten Blick zu. Seine Tochter nimmt gerade ein T-Shirt in Empfang und zieht trotzdem ein Regenwettergesicht. Hier sind viele Eltern mit ihren Kindern. Und viele Leute, die so aussehen, als würden sie ihr halbes Leben vor dem Fernseher verbringen (schon schaltet sich der Rohrspatz in meinem Hirn ein: Klischeealarm!).

Ich bin im Nokia Theatre am Times Square. Die Bühne ist längst umgebaut, eine Showtreppe wartet auf den Star, aber Adam Lambert lässt sich Zeit. Vor mir zickt aufgedonnerter Jüngling mit T-Shirt über Netzhemd seinen Begleiter an, der kurz darauf mit bunten Drinks wiederkommt. Hinter denen, wird mir klar, werde ich nicht viel sehen. Ich finde einen leeren Sitzplatz mit hervorragendem Überblick. Fünf Sessel stehen in dieser Reihe. Ich bin die einzige, die so richtig hineinpasst. Die anderen quellen heraus.  Die junge Dame neben mir fragt: “Bist du aufgeregt?”

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe das Ticket geschenkt bekommen, und ich bin gespannt, wie ein Musiker aus diesem Genre (Pop/Dance) und mit diesem Hintergrund (Musical/TV) seine Show anlegt. Aber ich bin kein Fan. “Ich bin zwischen ich-kann-nicht-fassen-dass-ich-hier-bin und ich-flippe-gleich-aus”, sagt das Mädchen. “Oh, gut”, antworte ich und meine es auch so. Ich möchte nicht, dass hier jemand ausflippt. Und sie hätte schon Grund dazu. Sie ist nur für ein paar Tage in New York, und ihre Tante überraschte sie heute damit, dass sie Tickets für die ausverkaufte Show hat.

Ich frage meine Sitznachbarin, ob sie Adam Lambert letztes Jahr schon während “American Idol” (dem hiesigen Äquivalent zu “Popstars” und “DSDS”) gesehen hat. “Oh, I was a heavy voter”, sagt sie lachend, mit dem Handy in der Hand, mit dem sie später ihrer Freundin immer wieder durchgeben wird, welche Songs Adam gerade gesungen hat. Sie war von Anfang an für Adam. “Ich habe gesagt, wir werden heiraten”, sagt sie. “Wie vermutlich massenhaft andere Frauen auch.” Ich lache zustimmend, aber sie fährt ganz ernst fort. “Aber das geht ja nicht, er ist ja schließlich schwul”, sagt sie.

Dann kommt Adam, und das Publikum unten im Stehbereich leuchtet im Glanze der Handy- und Kameradisplays.

Schräg vor uns steht eine Frau mit strähnigem Haar und zeltartiger Leopardenmusterbluse auf, schwingt eine Hand im Takt. Die hübschen, dünnen Teenager ein paar Plätze weiter schneiden Grimassen dazu.

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Schlag ins Wasser

Monday, 21. June 2010 21:09

Dies ist eine Bildergeschichte.

Auf dem See mit dem schlichten Namen “The Lake” im Central Park (wo es auch noch weitere Gewässer gibt) sieht man im Sommer viele Ruderboote. Dieses hier fängt den Blick vieler Spaziergänger ein, die eigentlich nur zum berühmten Bethesda-Brunnen wollten.

Jetzt haben wir also zwei miteinander vertäute Ruderboote, auf denen eine Platte liegt mit Schlagwerk drauf. Ein Stück weiter des Wegs liegt etwas auf dem Boden.

Es verrät, warum ich hier bin. Ich möchte eine Aufführung von “Persephassa” sehen, einer Komposition von Iannis Xenakis für sechs Perkussionisten. Die Uraufführung fand in Ruinen von Persepolis statt. Heute beugen sich die Veranstalter erneut dem Willen des Komponisten und lassen das Ganze im Freien und in der gewünschten räumlichen Aufteilung stattfinden. Nun ja, so weit das dann hinhaut. Die Grenzen werden fließen.

Erst einmal müssen drei der Musiker in ihren Spezialbooten ablegen, und der Teil des Publikums, der vom Schiffchen aus zusehen will, dümpelt vor ihnen herum. Das verzögert das Ganze. Schließlich schaffen sie es aber doch, ohne großartige Unfälle alle rüber auf den großen See. Da warten drei weitere Perkussionisten an Land.

Eine knappe halbe Stunde später haben sie nicht nur auf die Trommeln gehauen, sondern auch mit Sirenen losgeheult und mit Glöckchen geklingelt. Die Ruderer haben in dieser Zeit kaum mal die Paddel bewegt. Aber jetzt kommen sie nah genug an die Schiffstrommler heran, um mit ihnen ein Schwätzchen zu halten, bevor selbige die zweite Aufführung beginnen.

Ich habe übrigens gelogen: Ins Wasser hat keiner von den Schlagzeugern geschlagen.

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Moment mal:

Saturday, 19. June 2010 21:05

Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad. Und was ist dann eine Frau mit Mann?

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Nur ein Spiel

Friday, 18. June 2010 20:39

Okay, es ist gar nicht zwölf Uhr mittags. Es ist halb acht. Morgens. Jetzt spielt Deutschland gegen Serbien. Und das will ich sehen. Die meisten Bars hier lassen sich etwas einfallen, um fürs Fußballgucken zu werben. Weil man das offizielle Logo ja nicht so ohne weiteres verwenden darf, hängen sie beispielsweise Fahnen aus aller Herren Länder nach draußen. Oder lassen Fußbälle in Netzen von ihrem Schild baumeln. Aber sie alle versprechen dasselbe: “Watch every soccer game here!”

Und ich habe das geglaubt. Aber jetzt stehe ich da.

Erst mache ich mir keine Gedanken, weil auf der Second Avenue eine ganze Reihe von Kneipen Fußball anbieten. Hier konnte man es über mehrere Häuserblöcke hören, dass die USA ein Tor gegen England geschossen hatten. Aber heute muss ich einige Häuserblöcke weit laufen, bis ich endlich auf offene Türen stoße. Und dann sitze ich an der Bar, schaue auf einen viel zu großen Bildschirm und trinke Tee. Es ist ja nur ein Spiel. Und ich möchte keinen Elfmeter vergeigen, indem ich unkonzentriert und mit einer Fahne bei meinem Termin um elf auflaufe. Louise, die Barfrau, stellt mir verständnisvoll heißes Wasser zum Nachgießen neben die Tasse.

Als ich nach Hause eile, um meine Unterlagen zu holen, steht Almin, der montenegrische Hausmeister, gerade draußen. Als er mich sieht, reißt er erst die Arme hoch, dann ruft er mit seinem lustigen Akzent auf Deutsch: “Was war los mit Deutschland?” Ich könnte ihm jetzt meine Ansicht zu dem Spiel lang und breit erklären. Aber ich muss dringend aufs Klo.

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Kunst und Kohl

Thursday, 17. June 2010 23:01

So ein Schlüssel zur Stadt öffnet Türen. In diesem Falle hatte ich dahinter Staub und Spinnen erwartet.

Die geziegelte Scheune steht in einem Hof. Der liegt hinter einem Bahnübergang in der South Bronx. Das Gelände gehört zu The Point, einem sozialen Projekt, das der Jugend aus der Nachbarschaft eine Perspektive geben will. Mein Schlüssel passt ins Schloss. Mit einem beherzten Ruck öffne ich die Tür – und bin erstaunt, wie (relativ) hell es drinnen ist.

Auf einer Staffelei steht ein Plakat, mit dem ich dazu eingeladen werde, nach Herzenslust zu malen. Das Bild soll ich nach Möglichkeit dort lassen.

Als ich wieder heraustrete, sind einige der Point-Leute damit beschäftigt eine Kamera zu justieren. Damit machen sie Stop-Motion-Aufnahmen von dem Gemüse, das sie in einem Hochbeet ziehen. Es sieht ein wenig kümmerlich aus, dabei haben sie es schon vor zwei Monaten gesät. Ich tippe darauf, dass es da noch zu kalt war. Einer von den Jungs vermutet, jemand habe am Anfang mit dem Gießen übertrieben. Auch in einem Lehrbeet kann man es ja mal mit Trial and Error versuchen.

Ich lerne, dass Kale (Grünkohl) hier doch so aussieht wie in Deutschland. Im Supermarkt verkaufen sie ihn in Blätterbündeln, nicht in ganzen Strünken, deshalb hatte ich da so meine Zweifel. Einmal abgesehen davon, dass er in Deutschland Wintergemüse ist. Das erzähle ich den freundlichen Gartenfotografen aber lieber nicht.

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Krisenwerbung

Tuesday, 15. June 2010 17:55

In New York gibt es sehr viele Kirchen. Und Tempel. Und Synagogen (die man, anders als in Deutschland, ohne Metalldetektortest betreten kann). Sogar Moscheen. Bei so großer Konkurrenz muss man sich etwas einfallen lassen, um Schäfchen zu horten.

Deshalb hängt an vielen Kirchen außen ein Schaukasten mit Informationen, wann Gottesdienst ist, in welcher Sprache, und wer die Predigt halten wird. Einige lassen sich auch eine knackige Überschrift für das Thema der nächsten Predigt einfallen. Einer meiner Favoriten, den ich vor ungefähr zwei Jahren sah, war “Guess who came to dinner?” für einen Gottesdienst mit Abendmahl. Er wurde knapp ausgestochen von jener Ankündigung:

Lange Zeit waren die genannten Tafeln ungeschlagen in meiner Hitliste. Bis ich jetzt dem Blick eines Mannes folge, der im Eilschritt innehält, um vor einer Kirche stehen zu bleiben. Da sehe ich dies:

Anton Tschechow gilt vielen als Atheist. Aber die sagen vermutlich auch: In der Not frisst der Teufel Fliegen.

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