Beiträge vom July, 2010

Für Postkarten bitte umdrehen

Friday, 30. July 2010 21:34

Les Claypool hat schon so einiges gesehen. Schließlich ist er als Sänger und Bassist der Band Primus weit herumgekommen. Aber das hier veranlasst ihn zunächst zu einem Kompliment für den Veranstaltungsort (Williamsburg Waterfront in Brooklyn), und er bekundet sein Bedauern, dass das Publikum nur den beeinträchtigten Ausblick bekommt, während er ein Postkartenbild sehen kann. Na, wenn es langweilig würde, könnten wir uns ja umdrehen. Es wird aber nicht langweilig.

Eine Weile später ruft er in einen Song hinein: “Schaut euch das an! Das ist fantastisch! So etwas kriegen wir in Kalifornien nicht zu sehen.” Tatsächlich dreht sich ein Großteil des Publikums kurz mal um. Inzwischen ist die Dämmerung einem satten Dunkel gewichen, und Les Claypool genießt sichtlich die Aussicht auf die Lichter der Großstadt. Aber er hat auch etwas verpasst.

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Moment mal: Positive Thinking

Thursday, 29. July 2010 19:48

Man sagt ja gerne, jemand hätte Trost in der Kirche gefunden. Vielleicht sogar in dieser Kirche hier. Auch wenn es da für Jammerlappen keine Anlaufstelle gibt.

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Einmanntheater

Wednesday, 28. July 2010 23:57

Auf dem Rückweg vom Klo fällt der Typ mir auf. Er hat den Oberkörper blank gezogen, zeigt seine Tätowierungen, der Schädel ist kurzrasiert, der Körper athletisch. Auf einer Hardcore-Punk-Show hätte er viele Freunde. Aber das hier ist keine Hardcore-Punk-Show. Eben habe ich The Whigs und den grandiosen Lee Fields gesehen, jetzt nutze ich die Pinkelpause, bevor The Black Keys auf die Bühne kommen. Ich weiche dem Typen großräumig aus, denn er verhält sich merkwürdig. Er reibt sich den Schädel, reißt den Mund auf, breitet die Arme aus – ich möchte nicht wissen, unter wessen Einfluss er steht. Aber ich bin ja zur Toilette im ersten Stock (zunehmend verwirrt mich das übrigens; hier heißt das second floor) gelaufen, und das Konzert sehe ich mir ganz unten an.

Was für ein Spaß, die Black Keys spielen heute Nacht ihre zweite Show, vorher traten sie schon bei ungefähr 33 Grad im Central Park auf, und sie drehen so richtig auf. Es ist rappelvoll, immer wieder verstellt mir jemand die Sicht, immer wieder verlagere ich meinen Platz ein wenig, damit ich die beiden Musiker (und zeitweise ihre Verstärkung) sehen kann. Dann sehe ich ihn. Der Typ von eben taucht ca. drei Leute vor mir auf. Er hat sich zu uns gedreht, singt nicht mit, aber verzieht das Gesicht, dann dreht er sich zwar wieder um, streckt aber die Arme aus, läuft hin und her, ich weiche zurück, weil ich weiß, was jetzt kommt. Und tatsächlich. Die drei Reihen vor mir lichten sich. Der Typ läuft im Kreis, sein Körper schießt hierhin und dorthin. Er lässt sich auf den Boden fallen, ringt mit sich selbst, am Ende liegt er auf dem Rücken und tritt in alle Richtungen.

“He’s a one man moshpit”, sagt jemand. Und damit schafft der Typ Platz, wo man es nicht für möglich hielt in der dichtgedrängten Menschenmenge. Für eine Weile kann ich richtig gut sehen.

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Love Parade von hier aus

Monday, 26. July 2010 22:33

Letzte Woche haben mich diverse Leute gefragt, ob hier über “Stilleben A40″ berichtet wurde. Ein Kollege hatte sogar eine Umfrage gestartet, was Journalisten im Ausland von der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet mitbekommen. Er wollte wissen, ob solche Großveranstaltungen als PR-Maßnahme funktionieren.

Jetzt lese ich Fragen, welche Wirkung das Unglück auf der Love Parade auf eben jenes Unterfangen hat. Ich erinnere mich, wie mir Dieter Gorny vor fast drei Jahren im Interview sagte, die Love Parade – und nicht etwa ein lokales Festival wie Juicy Beats oder Bochum Total – solle deswegen ins Ruhrgebiet kommen, weil sie “internationale Strahlkraft” habe.

Hier wird in der Tat über das Unglück vom Samstag berichtet. Die New York Times hat in der Sonntagsausgabe darüber berichtet und heute online einen recht langen Artikel darüber gebracht, wie über die Schuldfrage diskutiert wird. Die New York Post schaut auf die Probleme der Helfer und stützt sich auf AP. Die New York Daily News zitiert von der BILD-Website und zeigt passendes Bildmaterial. Die Gratis-Zeitung Metro zitiert unter der Überschrift “‘Love’ celebration ends in stampede” die Agentur Reuters und bringt ein Bild von Getty Images – darauf ein Mädchen, das vor einem Haufen Kerzen hockt.

Einmal lese ich, dass die Love Parade schon seit 2007 im Ruhrgebiet stattfindet. Aber nirgendwo wird mit einem Wort erwähnt, dass die Veranstaltung eins der großen Aushängeschilder der Kulturhauptstadt 2010 war.

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Kommen und Gehen

Sunday, 25. July 2010 22:20

Es ist Harlem Week, und eigentlich will ich mir eine Modenschau anschauen. Aber der Wetterbericht warnt vor einem schweren Gewitter, und ich höre lieber drauf, weil ich Freitag Abend schon die Tornadowarnung (!) verpasst habe und nur Glück mit meiner Ortswahl hatte. Und schon schüttet es. Als der schlimmste Wind und Regen aufhören, ist es zu spät für die Modenschau.

Also fahre ich nach Spanish Harlem, immerhin (es bestehen große Unterschiede zwischen Harlem und Spanish Harlem), und schaue mir den neuen Target an. Die Supermarktkette kreist New York schon länger ein, und während Wal-Mart vor einigen Jahren ebensolche Pläne aufgab, eröffnet heute der erste Target in Manhattan. An diesem Ereignis kam man vor lauter Werbung kaum vorbei.

Lange Zeit schien der Straßenname das Gegenteil dessen zu versprechen, was einen dort erwartete: Pleasant Avenue. An einer Ecke hier ließ Francis Ford Coppola eine Kampfszene für “Der Pate” drehen, und tatsächlich hatte die Mafia die Gegend lange Zeit im Griff.

Heute fürchten die Inhaber all der kleinen Geschäfte nicht die Fingerbrecher, sondern die Niedrigpreis-Konkurrenz. Auf die Kundschaft hat sich Target bestens eingestellt: Diese Filiale führt Produktlinien wie Suavitel, die speziell auf hispanischen Verbraucher abzielen. Und all die großen roten Schilder, die im Laden zeigen, wo was ist, sind zweisprachig. So lerne ich, dass “electronicos” “electronics” bedeutet.

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Im Rampenlicht

Friday, 23. July 2010 20:39

Dieses Schild hat mehrere Bedeutungen. Erstens versucht da offenbar jemand beinahe verzweifelt, die Trockenblumenarrangements zu schützen. Vielleicht will die ja einer kaufen. Zweitens kann man die Botschaft aber auch auf das Gebäude beziehen. Es war einmal eine Kirche.

Ab 1983 war es eine Disco (damals hieß das noch so). Als ich zum ersten Mal in New York war, war sie schon ein heißbegehrter Club, aber bei der New Yorker Altersbeschränkung brauchte ich gar nicht erst zu versuchen, hineinzukommen. Lange Jahre war The Limelight eine Institution – bald auch als Drogenumschlagsplatz, was der Film “Party Monster” aufgreift.

Nachdem wechselnde Clubs sich daran kaputtgewirtschaftet haben, kamen neue Pläne auf. Im Mai eröffnete es als Limelight Marketplace. Da gibt es die allgegenwärtigen Hunter-Gummistiefel, handgemachte Seifen, winzige Gourmet-Brownies, Designerjeans, Kaviar, Notizbüchlein und so weiter. Bei der Eröffnung war es zu voll, um einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Aber jetzt stehe ich da und habe Platz, um in Ruhe ganz unters Kirchendach zu schauen und mich darüber zu amüsieren, dass es ausnahmsweise mal ein deutsches Wort ist, das die Szenerei am treffendsten beschreibt: Konsumtempel.

Limelight heißt übrigens Rampenlicht.

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Das Ende der Angelschnur

Thursday, 22. July 2010 21:34

Natürlich kann man in New York auch angeln. An den Flüssen stehen viele geduldige Menschen herum. Und für Kinder unter 15 Jahren gibt es jeden Sommer sogar einen Angelwettbewerb – seit 1947 findet er im Prospect Park in Brooklyn statt. Dort ist für alles gesorgt:

Die Schneise in die Entengrütze und die Seerosen hat übrigens ein Elektroboot geschnitten. Ja, der Prospect Park schafft es auf jeden Fall als heißer Tipp in “Grünes New York”. Kein Wunder: Er wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux entworfen – zuvor hatten die beiden schon den Central Park geplant. Olmsted hat auch hier seine Freude am Wasser und an Details ausgelebt: Hier und da legte er Wasserfälle in der Nähe von Teichen oder Seen so an, dass man das Plätschern hört, bevor man Wasser sieht.

Ein Geräusch ist aber erst nach seinem Tod hinzugekommen: die Kombination aus Platschen und Kläffen. Ganz in der Nähe dieses Wasserfalls befindet sich heute mit dem Long Meadow Dog Beach eine Stelle, an der Hunde im Teich planschen dürfen. Meistens müssen sie dabei an der Leine bleiben, nur zu den “off leash hours” haben sie frei. Deshalb verläuft am Hundestrand ein Zaun durchs Wasser – die Wasservögel sollen jederzeit ihre Ruhe vor dem Jagdinstinkt haben.

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Moment mal: Falschparker

Wednesday, 21. July 2010 19:43

Kein Dackel darf in den Supermarkt. Im Auto ist es aber zu heiß. Es sind eben die Hundstage. Da muss man das hechelnde Tier irgendwo anders parken. Aber hier tickt die Zeit. Auf beiden Parkuhren sind nur noch ein paar Cents.

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Made in Midtown

Tuesday, 20. July 2010 19:31

Die machen einen ordentlichen Schnitt. Nicht ihren eigenen; sie arbeiten für andere. Im Garment District ist das zunächst gar nicht zu sehen; nicht weit vom Times Square kommt man an vielen Läden vorbei, die Stoffe, Kurzwaren und Kleider für den Großhandel verkaufen. Die meisten Geschäfte spielen sich derweil unbemerkt in den oberen Stockwerken ab.

Ramdat Harihar zum Beispiel erfüllt allerlei Sonderwünsche von Designern. Für die gewünschten Musterstücke kann er Stoffe auf die wunderlichsten Arten plissieren, besticken, paspeln, mit Bändern und komplizierten Stichen verzieren. Die Spezialmaschinen, über die sich seine Mitarbeiter beugen, sind gerne mal 70, 80 Jahre alt.

Auf der einen Werkbank bekommen Parkas Metallsterne und eine Spitzenblende, an einem anderen Tisch ringelt sich ein Seidenband auf das Oberteil eines Hochzeitskleids. Und in der Ecke hocken die Näherinnen wie in einem Zelt.

Dort arbeiten sie gerade mit einem Pulver, das im Dunkeln leuchtet. Irgendein Designer steht vielleicht auf Schwarzlichteffekte. Für solche Sonderwünsche kommt man dann in dieses Werkstattmekka mitten in Manhattan. Design Assistent nennt sich Ramdat Harihar. In der Statistik des Garment Districts taucht er aber nicht als Designer auf, sondern als Manufacturer.

Genau wie Tina Schwenk. Die Einwanderin aus Ostdeutschland ist Schnittdirectrice, hat für Helmut Lang und Karl Lagerfeld gearbeitet und dabei oft Schwierigkeiten gehabt, gute Minifirmen zu finden, die ihr die Arbeit mit den Mustern abnehmen können. Vor zwei Jahren wechselte sie selbst in die Marktlücke. Und ich kann mir nicht helfen: Ihr Atelier sieht ganz schön deutsch aus. Es heißt Werkstatt.

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Hufe oder Rollen

Sunday, 18. July 2010 21:46

Es ist gerade fünf durch, das National Museum of the American Indian hat geschlossen, und ich sitze hier unten auf der Bank. “I’ll take you somewhere you can sit”, hat der Wächter gesagt und mich mit einem Nicken durch eine Tür geschoben. Seine Kollegen haben geguckt und gefragt, was ich angestellt habe.

Ich habe mich mit eben jenem Wächter verabredet. Er ist einer dieser New Yorker, über die ich Geschichten schreibe. Seine beginnt in einer Familie mit elf Kindern in einer Railroad-Unterkunft in Brooklyn. Aber die habe ich in diesem Moment ja noch nicht geschrieben. Jetzt will er nicht, dass ich draußen in der Hitze warten muss, also bringt er mich zu den Securityleuten im unteren Geschoss. Die haben nämlich eine ziemlich bequeme Bank.

Ich bin schon vor etwa einer Stunde hergekommen, um mir zwei Ausstellungen anzuschauen. Mir gefällt es, dass sie paralell hier laufen. Eine beschäftigt sich mit der besonderen Verbindung von Indianern und Pferden.

Und die zweite mit der besonderen Verbindung von Indianern und Skateboards. Schließlich waren es nicht braungebrannte Kalifornier, die das Surfen und dann, wenn mal keine Wellen hereinrollten, das Skaten erfanden. Sondern ein paar Reisende importierten in den 50ern begeistert die Idee von Hawaii, wo die Ureinwohner schon seit Jahrtausenden Wellenbretter zu bändigen wussten. In  der Ausstellung sieht man auch seltsame alte Geräte für den Landgebrauch. Und jetzt gibt es ein paar Leute, die es aus den Reservaten hinaus auf die großen Skateboard-Contests geschafft haben. Oder die dafür sorgen, dass Skateparks für die Jugend ihres Stammes gebaut werden. Oder die Skateboard-Decks mit Worten in ihrer jeweiligen Sprache designen.

Beide Ausstellungen zeigen auch Versuche, der Jugend ein bisschen der jeweiligen Kultur näherzubringen. Die einen mit Rollen, die anderen mit Reitunterricht. Am Beginn der Skateboard-Ausstellung findet sich ein Bild, das all diese Welten verbindet.

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Barbäuchig im Park

Friday, 16. July 2010 22:38

Diese Leute rennen nicht vor den Park Rangers davon. Sie können nicht anders. Sie müssen halbnackt antreten: Bevor der New York City Triathlon beginnt, laufen eine Menge Leute den Jamaica Underwear Run. Der heißt so, weil man da erstens eben nicht in High-Tech-Sportsachen antrabt, sondern in Unterwäsche. Damit hat die Veranstaltung bereits letztes Jahr den Weltrekord geholt für die größte Ansammlung von Menschen in Unterwäsche.  Und zweitens, weil der Spaß vom jamaikanischen Tourismusbüro veranstaltet wird – das Sonderpreise für den schönsten Jamaica-Aufzug vergibt.

Schon klar, dass der notorische Naked Cowboy sich bei der Gelegenheit in die erste Reihe stellt. Mitlaufen mag er dann aber nicht, im Gegensatz zu den NYC-Tri-Mädchen.

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