Beiträge vom August, 2010

Weggekarrt

Monday, 30. August 2010 21:22

Es sieht so aus, als sei bald Feierabend. Und zwar nicht nur der übliche Schichtwechsel zwischen den Coffee Carts, die überall in New York frühmorgens Kaffee und Gebäck verkaufen, und den Lunch Carts, die von Mittag bis zum frühen Abend Hot Dogs oder Kebab braten.

Sondern so richtig Feierabend. An der Ecke haben sie gerade die neuen Buchstaben am Laden angebracht. In einer der beiden Glastüren hängen noch die alten. “Pharmacy” steht da. Die Drogerie, die auch ein bisschen Kinderspielzeug und Kram hatte, ist schon länger geschlossen. Gegenüber hat vor einer Weile eine der großen Drogerie-Ketten eröffnet, die heute im Eingang damit wirbt, dass man bitte all die neuen Lebensmittelangebote beachten soll. In der ehemaligen kleinen Drogerie wird bald ein Starbucks eröffnen, zwei einhalb Häuserblocks vom nächsten entfernt. Deutliche Zeichen für die Gentrifizierung dieser Gegend.

Ein paar Schritte weiter östlich steht vormittags ein Coffee Cart. Als ich vorbeikomme, hat er einen Platten. Der Mann am Reifen ist sauer. Er hat Schilder geschrieben und hinter eine der Glasscheiben geschoben, die seine Kunden von Muffins, Doughnuts, Croissants und Bagels trennen. Darauf steht etwas über den kommenden Starbucks. Und über die kleinen Geschäftsleute. Aber die Schilder sind ineinander gerutscht, alles ist durcheinander geraten. “Haben Sie Arbeit?”, fragt der Mann und wartet die Antwort erst gar nicht ab. “Genießen Sie es. Es wird nicht so bleiben.”

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Blaues Wunder

Sunday, 29. August 2010 22:40

Im August verlassen viele New Yorker die Stadt. Sie haben ein Häuschen in den Hamptons (oder in Montauk), auf Fire Island oder irgendwo in Upstate New York. Man muss aber die Stadt gar nicht verlassen, um ins Grüne zu kommen. In diesem Falle eher ins Blaue.

Broad Channel liegt in einem kleinen Stückchen von Queens, nicht weit vom JFK-Flughafen und kurz vor Far Rockaway (wo der lange Strand ist). Hier haben die Leute Boote vor der Garage stehen und statt Vorgarten einen Steg.

Man kennt sich untereinander, grüßt freundlich, dekoriert Veranda, Briefkasten und Fenster gerne mit maritimen Motiven, als wollte man Besucher beeindrucken. Aber Broad Channel ist eben auch ein New Yorker Stadtteil. Die Idylle muss also mit irgendetwas gebrochen werden. Das habe ich ganz vergessen, als ich an einem Haus vorbei komme, an dem zweifelhafte Gestalten laut Musik hören und ein Schild über dem Kellereingang hängen haben, dem zu entnehmen ist, dass man gefälligst sein eigenes Bier mitbringen soll. Das lenkt meine Aufmerksamkeit darauf, wie aggressiv der verschlafene Stadtteil auf Eigentum pocht. Überall steht “private property” – und parken darf man auch nirgends. Schon gar nicht gegenüber von den Biertrinkern.

Dass es hier rau zugeht, hätte mir eigentlich klar sein müssen. Zu Beginn meines Rundgangs hatte ich schließlich einen Nachmittagsimbiss. Es gab einen unfassbar satt machenden, vermutlich 3.478 Kalorien sprengenden Schokoladen-Streusel-Kuchen, zusammen mit einem Tee, auf dessen Beutelverpackung zwar “Grüner Tee” stand, der aber das Wasser rot färbte und nach Hibiskus schmeckte. Und das alles gab es in einem Laden, der mir in diesem Moment noch deplaziert erschien.

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Manhattan in Manhattan

Saturday, 28. August 2010 23:06

Der Sommer ist fast vorbei. Es soll zwar morgen wieder über 30 Grad warm werden. Aber viele Open Air-Kulturprogramme hören jetzt auf. Und weil ich in dieser Saison noch nicht einmal draußen im Kino war, wird es jetzt Zeit. Ein paar Minuten vor Beginn finde ich ein Plätzchen auf dem Frisbee Hill im Central Park.

Das Central Park Film Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto “Iconic New York”. Heute, am letzten Abend, hatte das Publikum die Wahl – und sich für einen wahren New York-Film entschieden: Mit “Manhattan” zeigt Woody Allen, welche Ikonen die Leute 1979 mit der Stadt verbunden haben. Nach einer Bilderschau mit der Insel in der Hauptrolle kommt auch die Anfangsszene nicht aus dem Studio – sie wurde in einem Lokal gedreht, in dem Woody Allen tatsächlich verkehrt.

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Von wegen Schmelztiegel

Friday, 27. August 2010 22:34

Ein Taxifahrer ist das große Gesprächsthema fürs Wochenende. Der Einwanderer aus Bangladesh hatte in Midtown einen 21-Jährigen aus einer Kleinstadt im Staat New York gefahren. Der hatte den Taxifahrer während des Smalltalks gefragt, ob er Moslem sei, daraufhin Witze über den Ramadan gemacht und ein Messer gezogen, mit dem er den Taxifahrer am Arm, im Gesicht und am Hals verletzte. Wenige Stunden später war er gefasst. Der Taxifahrer hat das Ganze überlebt. Der Angreifer ging hinter Gitter, eine Kaution wurde nicht ausgeschrieben, die Anklage lautet auf versuchten Mord und das, was man hier Hate Crime nennt.

Hier in New York brennt gerade eine heftige Debatte über Pläne, ganz in der Nähe der World Trade Center Site ein Gebäude abzureißen und eine Moschee (samt islamischem Kulturzentrum) zu bauen. Die Gegenargumente reichen von albern (plötzlich entdecken diejenigen, die sich bis dato mit Begeisterung für Neubauten aussprachen, den Denkmalschutz) bis hässlich (Tenor: Dann haben diese Terroristen doch gewonnen). Einige Medien haben da einen Zusammenhang zum Taxiüberfall gesehen. Das ist ein Grund dafür, warum der Taxifahrer sich noch einmal zu Wort meldete: Es sei kein Wort über die Moschee gefallen. Er sei angegriffen worden, nachdem er die Frage bejaht hatte, ob er Moslem sei. Daraufhin habe der Angreifer gesagt: “Betrachte dies als Checkpoint”.

Als sei das nicht schon unheimlich genug, stellt sich heraus: Der junge Mann ist Student, und arbeitet seit einiger Zeit an Doku-Videos zum Thema “Post-traumatische Belastungsstörungen”. Im Frühjahr hatte er an einem Programm teilgenommen, das Journalisten mit den Marines nach Afghanistan reisen lässt. In seinen Aufzeichnungen darüber, die er (ebenso wie eine leere Flasche Schnaps) in der Tasche hatte, als man ihn aufgriff, ist nicht ein einziges Zeichen von Hass oder rassistischer Gesinnung zu finden. Nun spekulieren manche, ob er wohl in Afghanistan etwas gesehen hat, das ihn durchdrehen ließ. Oder ob er am Ende seine ganze Recherche über die psychischen Probleme der Kriegsveteranen deshalb machte, weil er selbst unter PTSD leidet. So oder so wurde er soeben ohne offizielle Begründung in die Psychiatrie verlegt.

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Rezession

Thursday, 26. August 2010 19:03

Sie haben hier ja schon gedacht, die Wirtschaft habe sich wieder von der Krise erholt. So stand es in den Zeitungen, so sprachen kluge Menschen. Aber das stimmt nicht. Und das kann man überall in New York sehen.

Das hier ist keine Boutique in einer schicken Gegend. Es ist ein Discounter in East Harlem, eines von diesen Geschäften, die zum Teil Konkursware verkaufen und fast ständig mit “Alles muss raus” werben. Aber jetzt und hier ist der Spruch ernst gemeint. Wie bei vielen anderen auch.

Ich arbeite gerade an einer Geschichte, die sich mit solchen Leerständen befasst – und mit einem ungewöhnlichen Konzept. Nächste Woche mehr davon.

Update: Zum Beispiel hier.

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Nadel ohne Heuhaufen

Wednesday, 25. August 2010 18:55

Sie sind ein merkwürdiges Gespann. Zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann gibt den New York-Kenner, die Frau gibt sich unbeeindruckt, der andere Mann gibt gar nichts von sich. Ich glaube nicht, dass er das fünfte Rad am Wagen ist. Ich glaube auch nicht, dass einer von ihnen gerade versucht, bei der Frau zu landen. Vielleicht sind sie verwandt. Oder verheiratet. Manchmal lässt sich das schwerlich unterscheiden.

Ich bemerke sie, als der Kennermann in meine Richtung zeigt und ruft: “Da ist der Obelisk!” Damit meint er nicht mich. Ich war gerade dabei, Krabben in einer hochgelegenen Nische zu fotografieren, und wirke dabei vermutlich ganz schön klein.

Schon kommen die drei den Pfad herauf. Die Frau und der Schweigsame schlendern auseinander, während der Kenner erneut das Wort erhebt: “Es ist aus dem Jahr 1450 vor Christus”, und dann geht es weiter damit, wie der Obelisk hier in den Central Park kommt.

Das alles weiß der Mann nicht einfach so. Er steht direkt vor der Erläuterungstafel, auf der ich eben noch gesehen habe, dass das Ding auch “Cleopatra’s Needle” genannt wird. Aber das sehen seine beiden Begleiter gar nicht. Die schlurfen außer Sichtweite. “Für die Inschrift gibt es eine Übersetzung”, sagt Kennermann etwas lauter, und ich kann nicht sehen, ob die beiden anderen beflissentlich hinaufschauen. Er scheint davon auszugehen. Er liest alles vor, was er findet. Ich stehe inzwischen auf der anderen Seite und lese eine ellenlange Aufzählung von ehrerbietigen Namen für die beiden Könige, die sich nacheinander hier verewigen ließen.

Als der Kenner mit dem kulturellen Erlebnis zufrieden ist, bedeutet er den anderen, dass es jetzt weitergeht. Die Frau kramt in ihrer Tasche und fällt dabei hinter die beiden zurück. Dann ruft sie. Natürlich den Kenner. Mit frag-mich-einfach-Miene dreht er sich um. “Ich finde mein Handy nicht”, ruft sie ihm über den Pfad zu. Er rührt sich nicht, es scheint ihn auch nicht weiter zu interessieren. Das wäre vermutlich anders, wenn sie eine Granitnadel suchte. Die Frau steckt noch einmal ihre Hand in die Tasche, als hätte sie meine Gedanken gehört, doch dann schreit sie dem Kenner hinterher: “Ruf mich an!”

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Böse Kinder

Monday, 23. August 2010 22:42

Eben rauscht eine Mitarbeiterin an mir vorbei. Hier wird ganz schön viel gearbeitet. Angucken darf ich mir das; aber Fotos sind verboten. Deshalb habe ich nur dieses hier. Aus dem Keller. Wo auch das Klo ist.

Ich bin aber nicht hier, weil ich dringend mal musste. Sondern weil ich das offene Atelier sehen möchte. In der Park Avenue Armory bauen viele fleißige Hände am Wiederaufbau von “Home”, einer Installation von einem Kollektiv um Hideki Toyoshima. Überall bohren, hämmern und streichen sie, und wie alle Besucher laufe ich mit einem quietschgelben Bauarbeiterhelm herum. Ein Häuschen steht in der Ecke, in das ich hineinschauen kann. Ich kann gut verstehen, dass die Künstler keine halbfertigen Arbeiten festgehalten sehen möchten.

Genau, die Künstler. Um die Ecke ist nämlich auch noch das temporäre Atelier von Yoshitomo Nara. Da darf ich auch hineinschauen – zum Glück, denn seinetwegen bin ich gekommen. Der Künstler ist nicht da, aber es liegen Skizzen herum, an der Wand lehnt eine Tür, auf der “privat” steht, obendrauf ein Foto von den Ramones. Keine Frage, die Bilder drumherum sind von denen inspiriert. Sie werden vielleicht in seiner Ausstellung zu sehen sein.

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Moment mal: Dekadenfrage

Sunday, 22. August 2010 18:16

Viele kluge Menschen versuchen zu erklären, was für eine Zeit das eigentlich ist, in der wir leben. Da finden sie dann Rücbezüge zu den 80ern oder 90ern, aber danach wird es schwierig. Anfang des neuen Jahrtausends, das klang erhaben und ging fürs erste Jahr ganz gut. Dann kamen manche und sprachen von den Nullerjahren. Als wäre da nichts passiert. So oder so sind die jetzt zwar vorbei, aber es gibt immer auch kein schönes Wort für das aktuelle Jahrzehnt. Zehner? Klingt komisch. Eben lese ich, wie fein die englische Sprache wieder einmal raus ist: Von “teens” ist da die Rede. Streng genommen fangen die Teenagerjahre des Jahrhunderts zwar erst in zweieinhalb Jahren an. Aber die Zahl “thirteen” lässt die New Yorker schlagmals abergläubisch werden. Selbst in meinem Haus gibt es sie nicht. Nach 12 kommt hier 12 1/2.

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Über den Berg

Saturday, 21. August 2010 22:30

Auf Staten Island gibt es Hügel. Deshalb stehe ich jetzt 150 Fuß hoch in Freshkills und genieße die grüne Aussicht.

Hier entsteht gerade ein Park, der eines Tages zweieinhalb mal so groß wie der Central Park in Manhattan sein wird. Aber das dauert. Zwar soll nächstes Jahr schon der erste Teil eröffnet werden. Aber komplett fertig wird der Freshkills Park wohl erst irgendwann binnen der nächsten 30 Jahre. Ein Indiz dafür, warum das so lange dauert, kann man sehen.

Unter den Hügeln wabern Gase. Das liegt daran, dass diese Hügel keine natürliche Grundlage haben. Früher war Staten Island flach. An dieser Stelle lag eine Sumpflandschaft, durchzogen von Creeks, die teils Süßwasser, teils Salzwasser führten. Wunderschön muss das gewesen sein. Und die perfekte Gegend für eine Deponie. Jedenfalls wuchs Freshkills zur größten Müllkippe der Welt. Sie wurde erst im Frühjahr 2001 geschlossen  (aber kurzfristig wieder geöffnet, um den Schutt der World Trade Center-Türme aufzunehmen). Wer vor 2001 in New York lebte oder auch nur zu Gast war, hat einen Anteil an den Bergen hier. Ein Teil wird derzeit noch aufwändig versiegelt, damit man später gefahrlos darauf herumlaufen kann.

Weil hier viel organischer Abfall liegt, haben die oben erwähnten Gase einen hohen Anteil dessen, was man noch brauchen kann. So steht unten eine Filteranlage, die die Gase aus den “gas wells” ansaugt und aufbereitet. Danach macht die Stadt New York 11 Millionen Dollar pro Jahr mit dem Verkauf von Methangas.

Und während der Abfall aller Stadtteile jetzt mit Zügen und LKWs nach New Jersey, Virginia und North Carolina gebracht wird, entsteht hier eine grüne Lunge. Ich weiß nicht recht, wie ich das finden soll. Mir fällt da gleich das europäische Problem mit den Müllexporten ein.

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Am anderen Ende der Welt

Thursday, 19. August 2010 20:44

Hier kann ich sehr günstig einmal um die Welt reisen. Ich mache mich auf den Weg nach Europa, und kurz hinter Afrika biege ich ab. Aber dazu gleich.

“Unisphere” ist ein Friedenssymbol, das zur Weltausstellung 1964 nach New York kam, genauer gesagt: nach Queens. “Peace Through Understanding” steht auf der Tafel im Flushing Meadows Park. Der Völkerverständigungsglobus ist so groß, dass man ihn von diversen Straßen unvermittelt sieht, zuweilen sogar vom Flugzeug aus (je nach Wind; im Anflug auf La Guardia, selten auch auf den JFK-Flughafen). 42 Meter hoch, 350 Tonnen schwer: Alle Kontinente sind aus massivem Stahl, und weil sie auf der Erde nun einmal ungleich verteilt sind, musste Gilmore David Clarke das filigran wirkende Kunststück trickreich ausbalancieren. Ganz wie den Weltfrieden eben.

Ich biege ab in Richtung Billie Jean King National Tennis Center. Hier werden in 11 Tagen die Tennismeisterschaften “U.S. Open” beginnen. Die Vorbereitungen laufen bereits. Nicht mit Friedensstahl, sondern mit Beton.

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Ein Blick kann reichen

Wednesday, 18. August 2010 22:24

Wir haben nicht viel Zeit. Eine meiner ehemaligen Studentinnen hatte sich entschlossen, nach dem Studium für ein Jahr als Au-Pair in die USA zu gehen, und am Montag begann ihre Schulung in einem Hotel in New Jersey. Erst sieht es so aus, als müsste ich sie dort treffen, aber dann gehört sie doch zu den Auserwählten, die am Abend kurz nach New York City fahren dürfen. Für eine Stadtführung reicht die Zeit nicht im Ansatz, und ich bin schon ganz geknickt und besorgt.

Aber sie und ihre beiden Kurskolleginnen sagen hinterher: Darauf wären wir nie gekommen. Ich habe sie ins Hotel Metro gelotst und den Aufzug zum Penthouse genommen, damit wir in der Rooftop Bar ein Bier trinken können. Und obwohl der Tag ziemlich wolkig war, kommt die Sonne pünktlich zum Untergang hervor. Das macht die Aussicht sozusagen himmlisch.

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