Punkte sammeln bei Damien Hirst

Friday, 20. January 2012 16:17

Ach, jetzt schaut mich schon wieder eine von denen von oben nach unten und vor allem von oben herab an (dabei sitzt sie und ich stehe, aber die haben den Bogen eben raus). Galerie-Tresen-Tippsen gehören zu dem wenigen, was in New York absolut berechenbar ist. Aber der Reihe nach. Das da oben sind Bilder von Damien Hirst. Davon gibt es ganz viele. Zum Beispiel auch dies:

Damien Hirst hat eben nicht nur Haie in Formaldehyd eingelegt, sondern auch ganz, ganz viele Punkte gemalt (oder besser gesagt: malen lassen). Und sein Galerist Larry Gagosian stellt jetzt all die gesammelten Punkt-Werke aus. Weil er ein beachtliches Galerie-Imperium besitzt, kann man dazu allein in New York in drei Galerien fahren (die beiden Fotos sind aus zwei verschiedenen). “The Complete Spot Paintings” hängen in elf Galerien, in acht Städten, in sieben Ländern, auf drei Kontinenten.

Wer sie sich alle anschaut, bekommt ein Geschenk. Und deswegen guckt mich die Frau so blöde an. Ich sehe vielleicht nicht so aus, als würde ich um die Welt jetten, um Punkte zu sammeln. Aber ich bin von Berufs wegen neugierig. Ich möchte gerne wissen, wie die das denn nachhalten, dass jemand in den ganzen Galerien gewesen sein will. Die Frau hebt wortlos eine Karte hoch, und ich denke, ich darf die haben. Sie zieht sie entsetzt weg.

“Da müssen Sie erst mal die Prozedur durchlaufen”, sagt sie, und ich bin davon überzeugt, dass in diesem Fall “procedure” genau richtig übersetzt ist, so meinte die das. Damit ich eine vernünftige Antwort bekomme, setze ich ein fröhliches “Toll, dann möchte ich gerne mitmachen” hinterher. Das verfinstert ihre Miene aber nur, und deshalb zieht sie jetzt erst mal ein mehrseitiges Regelwerk aus einer Schublade. Am Ende erfahre ich zumindest: Wer die Karte hat, lässt sie sich in jeder Galerie abstempeln. Und wer wirklich jede schafft, bekommt einen Druck. Ganz einfach also, aber es war eine rechte Prozedur, das herauszufinden.

Fast ärgere ich mich, dass ich vorher so viel Zeit mit den Bildern verbracht habe. Aber es hat geholfen. Ich glaube, dieser Effekt, dass die Bilder einem vor den Augen verschwimmen, geht von den helleren Punkten aus. Oder vom leeren Magen.

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Wo der Frack sich dem Pinguin annähert

Thursday, 19. January 2012 19:43

Das sieht nach typisch New York aus: Irgendeiner ist immer zu gut angezogen, irgendeiner ist immer zu exzentrisch, und manches Mal ist es ein und dieselbe Person. Aber der Mann ist kein Einzelfall.

Diese Leute sind nicht etwa für eine Fotosession aufs Glatteis geführt worden. Auch wenn sie gutes Bildmaterial abgeben. Sie sind dem Aufruf der New York Winter Society nachgekommen und haben sich für den Ice Ball in Schale geworfen. Einen Ballsaal gibt es nicht. Man kommt einfach in repräsentativer Kleidung zur verabredeten Zeit zur einzigen (meines Wissens nach jedenfalls) Gratis-Eislaufbahn in New York.

Und so ziehen sie zwischen ganz normalen Schlittschuhläufern ihre Runden und sehen so fabelhaft aus, dass selbst die Jungs sich zurücknehmen, die hier am Citi Pond im Bryant Park sonst so gerne mit ihren unvermittelten Seitenschwüngen und Vollbremsungen Eindruck schinden.

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Gerührt, nicht geschüttelt

Wednesday, 18. January 2012 12:49

Abgegriffen. Ausgelutscht. Mir fallen nur Worte ein, die in diesem Zusammenhang missverständlich ausfallen. Deshalb schreibe ich es lieber so: Die Aussicht auf ein Egg Sandwich entlockt wohl keinem New Yorker ein freudig erstauntes “Oh, das klingt gut, was ist das denn?”. Eier zwischen Brotscheiben oder dem, was der Amerikaner unter Brötchen versteht, gibt es in jedem Eckladen, schnell eingeschlagen zum Mitnehmen, und draußen bullert der Automotor.

Trotzdem kann so ein Egg Sandwich lecker sein. Es kann sogar auch so aussehen. Ich habe zugeschaut, wie der junge Mann das Ei gerührt hat, aber ich komme trotzdem nicht dahinter, wie er das so hingekriegt hat. Das Brötchen dazu ist so ein “artisanal”-Schnickschnack, übertrieben auf hausgemacht getrimmt – und köstlich. So. Will jetzt wirklich noch einer fragen, was das denn ist?

Also gut: Teuer ist das.

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Puppenspielertricks

Tuesday, 17. January 2012 18:52

Graf Zahl ist nicht da. Die Sesamstraße hatte ich ja auch gar nicht erwartet, aber Puppen – schon.

Den Titel der Veranstaltung finde ich ärgerlich irreführend: Fireside Puppet Chats. In der Reihe, die die Puppenspielerin Kate Brehm organisiert, steht heute Mathematik auf dem Programm, und ich dachte, so etwas mit Puppen umgesetzt, das wäre doch was für mich. Aber es gibt weder einen Kamin noch Puppen, nur Puppenspieler. Am Ende lerne ich aber doch noch etwas: Man kann an einer Hand bis 31 zählen. Wenn man das Dualsystem verwendet. Kate macht es vor, hat diesen Fakt und die dazugehörigen Handzeichen aber nicht in ihrem Beruf gelernt, sondern von einem programmierenden Mitbewohner.

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Stoppschild

Monday, 16. January 2012 18:25

Ampeln, Zebrastreifen, Schülerlotsen: Es gibt viele Möglichkeiten, die Leute davon abzuhalten, einfach über die Straße zu rennen. Auch in New York, wo man sich weniger am Symbol in der Ampel orientiert als an dem, was man auf der Straße kommen sieht (die vielen Einbahnstraßen machen das übersichtlich). Das hier lässt alle warten. Bis diese gehetzte Frau kommt und uns dran erinnert, wo wir sind.

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Kalte Knochen in Gravesend

Sunday, 15. January 2012 14:44

Wann, wenn nicht an einem Wintertag, bei dem einem allein vom Wind die Knochen erkalten, fahre ich in einen Vorort namens Gravesend? Dessen Stadtrechte gehen auf das Jahr 1643 zurück, als das Drumherum noch längst nicht New York hieß und man hier nicht Englisch, sondern eine der Lenape-Sprachen oder Holländisch sprach. Außer in Gravesend. Es war die erste Ansiedlung mit Stadtrechten in Englisch, und die erste in der ganzen Neuen Welt, die von einer Frau gegründet wurde: Lady Deborah Moody war als Witwe in die USA gegangen, weil sie als Wiedertäuferin in England verfolgt wurde.

Lady Moody benannte ihre kleine Stadt nach dem gleichnamigen Ort in der Grafschaft Kent (wer mehr auf der Seite der Niederländer steht, beharrt allerdings darauf, dass das von niederländischen Worten für Kiesstrand kommt) und gab ihr – noch ein Novum – die Rasterstruktur, für die heute Manhattan so berühmt ist. Dabei liegt Gravesend weit draußen in Brooklyn, kurz vor Coney Island. Und selbstverständlich gibt es auch Gräber, darunter uralte, ich meine so richtig uralte.

Und gleich neben dem Gravesend Cemetery liegen noch mehr Gräber, auf dem kleinen Friedhof der Familie van Sicklen, die sich zusammen mit Lady Moody (und mehr als 20 weiteren Familien) hier niedergelassen hatte, aber, wenn man der Legende glauben mag, nach Streitereien neben ihren Feinden nicht mal begraben sein mochten, jedenfalls nicht ohne Zaun dazwischen.

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Zum Trocknen nach Grand Central

Friday, 13. January 2012 16:43

Die Toiletten in Grand Central entsprechen ja zum Glück nicht den Vorstellungen von einem traditionellen Bahnhofsklo. Sie sind recht sauber. Und als ich sie wieder verlasse, geben sie mir einen dieser Momente, über die ich hier schreibe. Es gibt ja Leute, die in allem, was sie sehen, sofort einen Grund finden, sich aufzuregen, meist kommen dabei andere Leute ganz schlecht weg. Andere Leute sehen ständig etwas, das ihre Neugier entfacht. Mit beidem zu reagieren geht natürlich auch, aber irgendwas muss ja nun mal zuerst kommen. Also hergeschaut:

Viele Touristen, die hier notgedrungen eingekehrt sind, denken bei diesem Anblick bestimmt: Ach, sieh mal, wie doof die Leute hier sind, denen muss man ja wirklich alles erklären. Ich bin mir da nicht so sicher. Was, wenn die Leute hier einfach nur verdammt erfinderisch sind? Ich frage mich jedenfalls, für welche Zwecke diese Händetrockner schon verwendet wurden, bevor jemand diesen Zettel geschrieben, ausgedruckt und aufgehängt hat.

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Keine Macht dem Feinstaub

Thursday, 12. January 2012 16:59

New Yorker Schulen sind Bastionen gegen das Böse. Jedenfalls versuchen sie das mit diversen Mitteln. An vielen Schulgebäuden sieht man Schilder, die die Schule zur drogenfreien Zone erklären und Drogenhändlern Strafverfolgung androhen. Manche lassen Schüler, Lehrer, andere Mitarbeiter und Eltern durch Metalldetektoren laufen, wenn sie die Schule betreten möchten.

Schuldirektoren hier und da hängen Plakate auf, die die Sache mit den Drogen aufgreifen: Sie erklären die Schule zur zuckerfreien Zone. Schließlich stellen sich Eis- und Süßigkeitenhändler gern mittags dorthin, wo Schulkinder zu erwarten sind. Das sind alles schon schwer zu bekämpfende Gegner. Aber Luftverschmutzung?

Asthma ist in einigen Stadtteilen ein Riesenproblem. Erst bezweifle ich, dass es sich von einem Schild in die Flucht schlagen lässt – aber die Aufforderung leuchtet mir ein. Tja, man sollte eben den gesamten Text lesen. Wie in der Schule.

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Spaziergang durch New Yorks Geschichte

Tuesday, 10. January 2012 14:35

John Huston Finley, so schreiben die Gelehrten, ging oft spazieren. Deshalb ist ein schönes Stück Spazierstrecke nach dem Mann benannt, der am Ende seines Lebens Chefredakteur der New York Times war: Der John Finley Walk führt von der 63rd bis zur 125th Street die East River Esplanade entlang, direkt am Wasser, aber viel höher und mit Gitter, so zur Sicherheit.

Diesen Hinweis darauf, in wessen Fußstapfen wir hier wandeln, finde ich im südlichen Teil des Spazierwegs, neben dem Carl Schurz Park. Der wiederum steht für die guten alten Zeiten von Yorkville: Das Viertel auf der Upper East Side war lange Zeit eine deutsche Enklave. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Park nach Schurz benannt. Eben nach einem dieser Deutschen dort, könnte man mit Recht sagen.

Aber seine Schwester und er haben noch ein viel bekannteres Erbe hinterlassen: Sie sorgten dafür, dass das Kindergartensystem in den USA eingeführt wurde. Schurz wurde außerdem ein bekannter Journalist. Ob er aber John Finley hier in der Ecke mal getroffen hat, weiß wohl niemand mehr.

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Verbrecherjagd

Monday, 9. January 2012 12:24

Habe ich etwa einen Knick in der Optik? Das Design des Plakats und des Graffiti auf dem Lastwagen erscheint mir wie aus einem Guss, wie ein Frage-Antwort-Motiv in der Musik.

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Doppelgänger

Saturday, 7. January 2012 16:32

Da habe ich mich lange genug darauf gefreut, mir das hier anzuschauen, und ich dachte, ich schaue dann ganz ruhig auf die Fläche und die Details und staune. Stattdessen bin ich beinahe gehetzt. Und das liegt nur an dem Müll draußen vor der Tür.

Ai Weiwei hat traditionelle chinesische Porzellan-Meister Millionen Sonnenblumenkerne herstellen lassen. Mehrere Tonnen davon liegen jetzt hier auf dem Boden der Mary Boone Gallery. Ganz neu ist das nicht, in London waren sie auch schon ausgestellt.

Aber ich habe es eilig, wieder vor die Tür zu kommen. Da draußen liegt nämlich Müll herum, neben einem Pappbecher habe ich einen Sonnenblumenkern entdeckt, als ich herkam, und noch gedacht: Ha, lustig, ausgerechnet hier. Aber seit ich hier drinnen um das Sonnenblumenkernfeld herumstreiche, das Ai Weiwei schlicht “Sunflower Seeds” genannt hat, frage ich mich, ob dieser Sonnenblumenkern da draußen nicht vielleicht doch ein bisschen zu groß und ein bisschen zu wenig zufällig gewesen sein könnte.

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