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So ein Zirkus!

Monday, 2. January 2012 21:21

Ausgehen ist teuer. Aber die ganzen Künstler müssen ja irgendwo üben, und weil die Konkurrenz in New York besonders groß und die Ellenbogen besonders gestählt sind, übt man hier eben vor Publikum. Und ich habe eine gewisse Vorliebe für “work in progress” entwickelt – solche Shows kosten wenig und erhöhen die Spannung (dünn ist die Grenze zwischen begeistert und entgeistert). Nur: Funktioniert das auch mit Varieté- und Zirkusnummern?

Gleich bei der ersten Nummer bei der “Open Stage Variety Hour” des Bindlestiff Family Cirkus wird mir angst und bange. Das liegt aber nur daran, dass die Show im herrlichen Dixon Place ausverkauft ist. Ich bin die Erste, die sie nicht mehr hineinlassen. Die Frau hinter mir ist zuversichtlich, dass da noch was geht. Und dann holen sie eben Stühle aus der Bar und stellen sie an die Seite der Bühne. Da sitze ich genau in der imaginären Schusslinie des Diabolo, mit dem Zirkusdirektor Keith Nelson spielt. Es geht ohne Unfall. Diesmal.

Das, so lerne ich schnell, ist Teil des Spaßes, wenn man kein Theater, sondern Artistik in unfertiger Fassung anschaut: Die Künstler spielen mit Missgeschicken und Unzulänglichkeiten. Ich glaube, schon in der Mitte der ersten Nummer habe ich rote Bäckchen wie mit fünf. Und weil ich ja seitlich auf der Bühne sitze, sehe ich auch, wie furchtbar anstrengend es ist, so zu tun, als beherrsche man seine Nummer nicht – und bräuchte einen Luftballon als Hebehilfe.

 

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Wenn die Wall Street glitzert

Tuesday, 6. December 2011 18:07

Nikolaus gibt es in New York nicht. Der alte Mann würde ja auch nur mit Santa Claus verwechselt. Es hatte also keinen Sinn, Stiefel vor die Tür zu stellen. Stattdessen gibt es heute noch ein bisschen Weihnachtsdekoration.

Die Sterne mit den merkwürdigen Löchern erinnern mich an Masken in einem dieser Horrorfilme, die ich mir nicht anschaue. Für viele andere ist dies hier ein Ort des Schreckens: Das Handelsparkett der New Yorker Börse.

Manch haben sich ihre Ecke so richtig weihnachtlich eingerichtet. Nur bei einem kleinen Ding bin ich mir sicher, dass es das ganze Jahr über hier vor sich hin glitzert. So was hat die Wall Street fest in der Hand.

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Schlepper mit bestem Ruf

Sunday, 4. September 2011 12:08

Sie leisten Schwerstarbeit. “Denken Sie dran, wir leben hier auf einer Insel! Ohne die wären wir aufgeschmissen”, sagt er, als die Schlepper anrücken. Einmal im Jahr zeigen sie, was sie können.

Die Schiffe, die vor allem aus Motor bestehen, schleppen normalerweise große Pötte in den New Yorker Hafen. Heute fahren sie erst mal ein Rennen – es ist wieder Zeit für das Great North River Tugboat Race and Competition. Und dann zeigen die Seeleute, wie schnell sie andocken können. Dazu müssen sie eine Startlinie überqueren und dann so schnell wie möglich ein Seil um einen Poller werfen.

Die Wettbewerbsbedingungen sind fies; im echten Hafenverkehr muss es zwar auch schnell und präzise gehen, aber da ist kein Gitter direkt vor dem Poller, von dem das Seil zurückspringen kann. So haben manche leider Pech. Aber dafür haben die Tug Boat Crews auch jeweils zwei Versuche. Und der jeweilge Kapitän gibt so richtig Gas. Deshalb sagt der Moderator, bevor es losgeht: “Wenn ich losrenne, rennen Sie bitte auch.” Ganz zum Schluss rauscht tatsächlich eins der Schiffe auf den Pier. Da merkt man, wie viel Kraft dahintersteckt.

Und dann gibt es einen Wettbewerb zu Lande: Spinatwettessen. Erst für Kinder, dann für Erwachsene – größtenteils aus den Mannschaften der Schlepper, die inzwischen alle angelegt haben. Dieser spezielle Wettbewerb ist nach Popeye benannt. “Wer ist das?”, fragt eins der Kinder. Dann geht es schon los. Der Gewinner sieht nacht einer Dose Spinat in kürzester Zeit allerdings nicht so aus, als hätte es ihn stark gemacht. Deshalb zeige ich ihn lieber bei seinem großen Moment.

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Schwer abgetaucht

Sunday, 28. August 2011 16:20

Ich war heute gar nicht vor der Tür. Ich muss mir keine Sturmschäden von Irene anschauen gehen, wenn es immer noch verdammt windig ist und ich die Parkplatzüberflutung auch aus dem Fenster gut sehen kann (für die übrigens Blätter im Gulli die Verantwortung tragen, so viele Blätter wie im Herbst fliegen hier rum, nur nicht so bunt). Aber ich habe ein Foto von neulich gefunden, das heute schön passt:

Ich finde es schwierig, mir vorzustellen, dass in diesem Ding tatsächlich mal jemand unter Wasser war. Allein die Schuhe wiegen je 17 Pound (knapp acht Kilo), der schicke Gürtel bringt 185 Pound auf die Waage. Damit konnte so ein New Yorker Berufstaucher sehr lange unter Wasser bleiben,  und das machte der auch, zum Beispiel um die Staten Island Ferry zu reparieren.

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Hoch hinaus

Tuesday, 16. August 2011 19:07

Sie sind die Stars von morgen. Hoffnungsfroh kündigt der Hudson River Park in seinem Programm die jungen Musiker an, die den Sommer über als “Stars of Tomorrow” auf dem Pier 45 ihr Können zeigen. Heute ist es ein Blech-Trio. Die meisten Leute um mich herum hören zu, aber direkt hinter den Musikern laufen auch ein paar Lästermäuler vorbei, eine junge Frau joggt mit Kinderwagen hin und her, und ein in die Jahre gekommener Sportfreak springt Seil – genau im Takt, bis er im wahren Sinne des Wortes hängen bleibt. Die Musiker ficht das alles nicht an. Immerhin ist die Kulisse vielversprechend.

Ich denke schon, das ist der Moment des Tages. Aber dann entscheide ich mich, zum Ende des Piers zu schlendern. Dort hockt ein Mann und bläst Gas in Ballons, und die trudeln in der Brise fröhlich durcheinander. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich gelesen habe, was da auf den Luftballons steht.

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Vorsicht, scharf!

Wednesday, 10. August 2011 13:06

Margery hatte einen Kunst-Abschluss und einen Job im Fischmarkt. Da lernte sie ein paar Brocken Japanisch – und eine Menge über Messer.

Seit 1983 schärft sie Messer. “Da war ich fünf”, lacht sie, weil das ja schon eine ganze Weile her ist, dass sie mit dem Samurai Sharpening Service angefangen hat. Ich habe ihr zwei meiner Messer mitgebracht und sehe sie gut bei ihr aufgehoben. Sie schaut erst einmal nach, ob sie etwas gegen die Flecken auf dem großen Messer unternehmen kann. Aber die gehen nicht weg. Es ist kein teures Messer gewesen, ich mag aber, wie es in meiner Hand liegt. Und Margery zuckt keine Wimper. Sie behandelt alle Messer gleich. In bedauerndem Ton erklärt sie mir, warum die Flecken nicht weggehen.

Und dann schärft sie meine Messer in Handarbeit. Zweimal in der Woche kommt sie in den Chelsea Market, um ihre Dienste anzubieten. Sonst widmet sie sich ihrer Kunst. Gestern hat sie ein Keramikkamel gemacht. Aber das war eben gestern. Eben hat sie einem Messer einen neuen Griff verpasst. Und sie kennt auch die Regel, dass man keine Messer verschenkt. “Das ist Aberglaube”, lacht sie zwar, fragt mich aber, ob man da in Deutschland dann auch einen Pfennig verlangen muss.

Ich bekomme meine Messer ohne Pennies zurück. Aber nachdem Margery sie in Zeitungspapier eingeschlagen hat, kommt noch ein Aufkleber drauf. Der warnt, dass die Messer da drinnen jetzt wieder scharf sind. Sicher ist sicher.

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Die Irrenärzte verlassen die Stadt

Monday, 1. August 2011 20:51

Erst bin ich ein bisschen enttäuscht. Susan Shapiro, die Moderatorin des Abends, scheint all ihre Studenten mobilisiert zu haben, sie dirigiert, wer wo sitzen soll – und nervt. Gerade als ich mich frage, ob das vielleicht schon zum Programm gehört, geht es los.

Es ist nämlich so: Die Therapeuten New Yorks verlassen im August in Scharen die Stadt (wie alle, die mental und monetär halbwegs beisammen sind). Zum Trost für all die anderen (selbstverständlich therapiesüchtigen) New Yorker hat Susan Shapiro “The Shrinks are Away!” erfunden, eine Lesung zum Thema.

Shapiro selbst liest als Vierte, monoton und blitzschnell, eine unglückliche Kombination, wenn man nicht der eigenen Muttersprache lauscht. Aber vorher habe ich ja schon spannende Geschichten gehört, zwei ehemalige Schüler von ihr haben gelesen, über eine irre Bombenlegerin und eine junge Frau, die mit dem Verschwinden ihrer Mutter klarkommen muss, und dann war eine verhuschte Schriftstellerin dran, der Shapiro später, im Zusammenhang mit der Frage, wie man einen Buchvertrag bekommt, das Geständnis entfoltert, sie sei die Tochter von Erica Jong (“I wanna die right now”, sagt die junge Frau, deren Namen ich hier jetzt extra nicht erwähne – sie tut mir immer noch leid). Und als dann eben Shapiro so schnell und monoton liest, merke ich, wie meine Ohren beschließen, den Abend zu beschließen.

Aber dann kommt noch ein Shapiro. Harvey Shapiro nämlich, der 87-jährige Dichter, der sich vor der Veranstaltung auf dem Stuhl neben mir ausgeruht hatte. Und dann ist alles wieder richtig.

Harvey Shapiro arbeitete bei der New York Times (hatte einen normalen Job, wie er sagt) und schrieb abends Gedichte. Und was für welche! Inspiriert von seinem Weg zur Arbeit, von der Stadt, aber eben auch von einem langen Leben.  So manches davon inspiriert von Momentaufnahmen. Zum Beispiel “New York Notes”:

I

Caught on a side street
in heavy traffic, I said
to the cabbbie, I should
have walked. He replied,
I should have been a doctor.

II

When can I get on the 11:33
I ask the guy in the information booth
at the Atlantic Avenue Station.
When they open the doors, he says.
I am home among my people.

Hinterher gehe ich in der Poetry-Abteilung zum Buchstaben S. Nach Shakespeare kommt da Shelley. Banausen!

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Spezialinstrument

Saturday, 11. June 2011 21:09

Straßenmusiker werden in New York tiefergelegt – viele spielen auf den Bahnsteigen oder in den Gängen zwischen den U-Bahn-Stationen, und so einige gewinnen einen guten Platz bei der alljährlichen Audition. So habe ich in den U-Bahn-Stationen schon alle möglichen Instrumente gesehen. Aber dieser Mann hier und heute erscheint mir einzigartig. Wie würde man seine Erfindung wohl nennen?

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Auf Pump

Friday, 27. May 2011 22:06

Immense Situationen versteht man ja oft am besten anhand der ganz kleinen Dinge. So geht mir das jetzt auch. Klar ist mir bekannt, wie das mit der Wirtschaftskrise vonstatten ging. Immobilienkredite an Leute, die sich gar kein Haus leisten können und so fort. Aber zumindest meiner Perspektive gibt es dieses gewisse Etwas von Realität, als ich mit X spreche, dessen Namen ich zu verschweigen versprach. Er arbeitet in der Autobranche. Und er beobachtet einen massiven Wechsel. Und er sieht den ganz neutral.

Vor, sagen wir mal, 2008, sagt er, war das echt anders. Also nicht im Kundenverhalten. Gerade diese Woche hatte er wieder Leute, die im Jahr 20.000 verdienen und ein Auto für 50.000 haben wollen, für das sie eine Monatsrate von 200 Dollar abstottern wollen. Denen rechnet er dann aus, was sie sich leisten können, falls sie denn die Raten bedienen können. Repo heißt das, was sonst passiert, und wofür er schon mit einer Waffe bedroht wurde. Oft, so sagt X, schaffen sie gerade mal zwei Raten, und dann kommt nichts mehr von ihrer Seite, wohl aber von Seiten des Autohauses. Reposession. Wiederinbesitznahme.

Das finde ich ja schon unheimlich. Aber vor, sagen wir mal, 2008, sagt er, war das noch anders. Da haben die Banken einen Kredit für ein 40.000 Dollar teures Auto gewährt, auch wenn man nur 20.000 im Jahr verdient. Und sie wollten nicht viel dafür sehen. Während sie jetzt, so sagt er und macht große Augen, dafür einen Einkommensnachweis sehen wollen.

All das im Hinterkopf ändert aber nicht viel. Der freundliche Mann rät mir ganz dringend, mir hier eine so genannte Credit History aufzubauen. Da hake ich nach. Aber wenn ich mir hier nie ein Auto, ein Haus oder so was kaufen will?

Egal, sagt er. Kreditwürdigkeit ist alles. Das ist eben die Welt, in der wir leben.

Was wir denn jetzt aus der Wirtschaftskrise gelernt haben, kann er mir auch nicht sagen.

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Von wegen Nachtschicht

Wednesday, 25. May 2011 21:51

Es gibt viele Coworking Spaces in New York, aber einen nur für die schreibende Zunft hatte ich bisher noch nie gesehen.

Bei Paragraph kann man sich ein ruhiges Plätzchen zum Schreiben mieten. Manche tun das, um sich verpflichtet zu fühlen und endlich den Roman fertigzukriegen, manche brauchen einen Ort, an dem sie ihren Zwei-Seiten-Essay in Angriff nehmen. Dafür gibt es auch eine günstige Teilzeit-Mitgliedschaft: Dann darf man wochentags nur zwischen 18 und 11 Uhr hinein. Ich denke, ha, das passt ja wunderbar zum Schriftsteller-Klischee. Nachtarbeiter. Aber dann erklärt mit Lila, dass dieses Angebot besonders oft von Frühaufstehern genutzt wird. Morgens um sechs ist hier echt was los. Vielleicht sollten sie es Early Bird Special nennen.

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Achselzucken in Europa

Monday, 25. April 2011 13:24

Das Problem sind nicht Schwierigkeiten, die einem jemand bewusst in den Weg legt. Absagen, Verbote, die Feindseligkeiten. Wenn etwas die Arbeit behindert hat, dann war es Gleichgültigkeit.

Mila Turajlic hat mehrere Jahre lang an “Cinema Komunisto”, einem Film über die jugoslawische Filmindustrie gearbeitet. Deshalb hat ihr in Serbien niemand Ärger gemacht. Aber viele ihrer Briefe, in denen sie fragte, ob sie hier ein paar Stunden drehen oder dort ein Archiv einsehen darf, blieben unbeantwortet.

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