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New York liest!

Wednesday, 25. January 2012 20:26

Da sitzen sie und schauen dem entgegen, was sie als Beweis dafür werten, dass all diese vermeintlichen Experten falsch liegen: Kurze Texte sind nämlich nicht das Einzige, was überhaupt noch gelesen wird.

Der Chefredakteur des New York Magazine hat zu “Behind the Longreads” drei seiner Autoren mitgebracht: Wesley Yang, Jessica Pressler und Dan P. Lee sprechen über die Entstehung ihrer Long Reads – das sind sehr lange Geschichten, die aber eben keine Märchen, sondern Sachgeschichten sind. Und die wie hulle gelesen werden. Selbst die Aussicht, mehr über die Geschichten zu erfahren, zieht die Leute an: Es ist rappelvoll.

Wesley Yang macht aus seiner Geschichte jetzt ein Buch. Zum Schluss fragt jemand, wann denn so ein Punkt käme, wie man entschiede, dass da ein ganzes Buch drin stecke. Ganz einfach, sagt Yang: Er habe 50.000 Worte geschrieben, aber nur (!) 10.000 wurden gedruckt.

Ich bleibe jetzt mal bei 150 Worten. Ich will noch etwas lesen.

 

Thema: High Life, Kultur | Comments Off | Autor:

Puppenspielertricks

Tuesday, 17. January 2012 18:52

Graf Zahl ist nicht da. Die Sesamstraße hatte ich ja auch gar nicht erwartet, aber Puppen – schon.

Den Titel der Veranstaltung finde ich ärgerlich irreführend: Fireside Puppet Chats. In der Reihe, die die Puppenspielerin Kate Brehm organisiert, steht heute Mathematik auf dem Programm, und ich dachte, so etwas mit Puppen umgesetzt, das wäre doch was für mich. Aber es gibt weder einen Kamin noch Puppen, nur Puppenspieler. Am Ende lerne ich aber doch noch etwas: Man kann an einer Hand bis 31 zählen. Wenn man das Dualsystem verwendet. Kate macht es vor, hat diesen Fakt und die dazugehörigen Handzeichen aber nicht in ihrem Beruf gelernt, sondern von einem programmierenden Mitbewohner.

Thema: High Life, Kokolores | Comments Off | Autor:

Spurenleser

Thursday, 15. December 2011 13:24

Viele Leute denken, Manhattan wurde an seinem südlichen Ende verkauft. Da kommt man schließlich an, wenn man vom Meer her rüberschippert, und da unten stand später der Wall, nach dem heute noch die Straße benannt ist, auf der die Aktienhändler heiße Luft verkaufen. Aber niemand hat da unten Manhattan verkauft. Das war am anderen Ende, hoch oben im Norden, im heutigen Inwood. Zur Erinnerung an Peter Minuits Geschäft mit den Reckgewawanc liegt da heutzutage ein Stein herum:

An der Stelle soll außerdem 280 Jahre lang ein Tulpenbaum gestanden haben. Fast genau so lange hat es gedauert, bis der Gedenkstein herkam (nämlich zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt New York). Noch etwas Seltenes gibt es hier in der Gegend: Eine Straße, die nicht Street, Avenue oder Boulevard heißt, sondern Road. Und ja, ganz recht: Das hier ist Manhattan.

Thema: Geschichte, High Noon | Comments Off | Autor:

Reklamehelden

Monday, 12. December 2011 20:32

Anonymität ist alles. Jedenfalls, wenn man so etwas tut wie Poster Boy. Dann zeigt man sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit, man verbreitet seine Telefonnummer nicht, verbreitet sogar die Ansicht, Poster Boy sei gar keine Person, sondern ein Kollektiv. Mit einer Klinge bewaffnet geht Poster Boy in den Untergrund und kämpft gegen das Böse. In der U-Bahn schlitzt Poster Boy – nein, nicht Menschen, sondern Werbeplakate auf. Und baut daraus neue. Zum Beispiel solche:

Poster Boys neueste Werke

“Wir haben das einfach aus Langeweile angefangen”, sagt er dazu lässig. Aber ehe er das sagt, hat er Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Er will ja schließlich nicht verhaftet werden. Also vereinbart er mit Jamie Hook, dem Veranstalter der Open City Dialogue-Serie, dass er sich via Skype zuschalten lässt. Und so schauen wir alle auf eine Leinwand, auf der abwechselnd Slides mit Fotos und Kurzvideos von Poster Boy-Werken zu sehen sind – und auf ein ruckeliges Skype-Videobild.

Durch die Maske ist Poster Boy schwer zu verstehen. Aber man gewöhnt sich dran, er beantwortet alle Fragen, und am Ende bekommt er ganz viel Applaus. Dann wird er weggeschaltet, wir klatschen noch mal, und die Veranstalter beginnen, die Leinwand abzubauen. Und siehe da: Dahinter hervor kommt Poster Boy. Und noch einer. Und niemand wird verhaftet.

Thema: High Life, Kunst | Comments Off | Autor:

Unter Strom

Thursday, 8. December 2011 13:35

Neulich habe ich gelernt, was Stim ist – Elektroschocks für Nerven und Muskeln. Gegen diesen Kollegen hier ist das ein Nano-Stäubchen auf einem Bergkamm, schätze ich:

Das ist ein Zitteraal, auf Englisch viel imposanter “electric eel”. Der bringt mit Stromstößen seine Beute um, findet – mit einer schwächeren Variante – aber auch Sexpartner. So ein Stromschlag überträgt sich im trüben Gewässer ja ganz gut. Aber so etwas zeigen sie im New York Aquarium natürlich nicht. Der Kerl muss schön alleine bleiben, damit es kein Grillfest gibt.

Früher hatten sie trotzdem viel mehr als diesen einen Stromstoßgeber. Im Zweiten Weltkrieg hielt ein Wissenschaftler hier unten im Keller rund 200 Elektroaale und machte Experimente. Er wollte ein Gegenmittel gegen Nervengas finden. Es wundert mich, dass es keine New Yorkerin war, die eine Figur wie Frankenstein erfunden hat.

Thema: High Noon, Stadtrundfahrt | Comments Off | Autor:

Voll durchgefallen

Friday, 28. October 2011 16:54

Das Brett ist ein Publikumsmagnet. Männer stehen hier Klischeewache und fachsimpeln über Akkuschrauber. Ich bin nicht schon wieder im Handwerkermarkt gelandet, sondern bei der Präsentation von Consumer Reports. Das ist vergleichbar mit “test” (Stiftung Warentest), nur schon deutlich älter. Zum 75. Geburtstag fahren die Laboranten durchs Land und machen heute eben in Grand Central Station. Zum Beispiel mit Akkuschraubern, Brett und Schrauben. Aber auch mit einer Waschmaschine und Stoffstreifen in unterschiedlichen Stadien der Verblassung.

Die Krux für die Verbraucherschützer ist ja: Einerseits leben sie von ihrer Objektivität. Andererseits müssen sie auch von irgendetwas leben, brauchen Aufmerksamkeit – und machen Werbung. Als ich neugierig an einen Stand mit Smartphones herantrete, lerne ich schnell: Die werden hier nicht live getestet, sondern sie zeigen all die neuen Apps, die Consumer Reports entwickelt hat. Und gegenüber zeigen die Kollegen stolz einen großen Erfolg:

Im Sommer hat das Magazin einen Artikel darüber veröffentlicht, dass immer mehr Menschen sich mit Spezialschuhen verletzen, deren Sohlenkonstruktion einen Fitness-Effekt haben soll. Ein Test stellte dann sogar diese Wirkung in Frage. Daraufhin klagte die US-Handelsbehörde, und der Hersteller ließ sich auf einen millionenschweren Vergleich ein, um eine Gerichtsverhandlung abzuwenden. Und so kommt es, dass so mancher Verbraucher sich da jetzt eine Entschädigung holen kann. Ein weiterer Hersteller ist bereits im Visier der Behörden.

Das Ganze erinnert mich an einen alten Western, in dem ein redseliger Herr von einem alten Karren herab Wundermedizin verscherbelt, bis sein Schwindel auffliegt. Wenn ich mich recht einsinne, entkommt der Quacksalber aber um Haaresbreite den rechtschaffenen Bürgern. Dem hat ja auch keiner diese Schuhe angedreht.

Thema: Geld ausgeben, High Tea | Comments Off | Autor:

Sturmwarnung

Saturday, 27. August 2011 17:40

Aus gegebenem Anlass – vielen Dank für die vielen besorgten Nachfragen – ausnahmsweise ein Nachrichtenthema:

Warten auf Irene.

Ich glaube ja schon seit geraumer Zeit, dass die größte Glaubensgemeinschaft in New York die Ironiker sind. “Irony is over” leugnen deren Mitglieder genauso vehement wie ihre christlichen Fundamentalistenkollegen die Theorien eines gewissen Charles Darwin. Und im Moment nerven sie mich mal wieder. Gestern hätte ich zu einer Party gehen können mit dem Namen “Come on, Irene”. Untertitel: “Bring it, Bitch!” Dazu hieß es: Komm vorbei, wir lassen uns doch das Wochenende nicht versauen. Alles eine Frage der Prioritäten. Und beim fröhlichen Fest bei den Surfern in Rockaway haben sie “Irene, Goodnight” gespielt (hab ich mir sagen lassen).

Auch dann, wenn sie in der Evakuierungszone A im zehnten Stock zwar trocken bleiben, aber weder E-Mails checken noch Mikrowellenpopcorn machen können und die Toilette nicht geht und auch die Feuerwehr ganz schlecht hinkommt, nachdem die Party ein bisschen ausgeufert ist, haben Ironiker sicherlich einen catchy Slogan parat.

Mir gefällt ja “better safe than sorry” sehr gut, aber das ordnet mich gleich einer fremden Glaubensgemeinschaft zu.

Auch aus Deutschland kommt Sarkasmus bis Zynismus. Irene sei doch nur noch Stufe 1, wir New Yorker sollen uns nicht so viele Sorgen um die Frisur machen (dabei gehen wir donnerstags zum Friseur, nicht sonntags). Und überhaupt sei man in den USA doch Hurrikans gewohnt. Und soll da jetzt nicht solchen Wind drum machen. Schade, dass selbst hämisches Unwissen nicht vor Schaden schützt.

Wenn man auf einmal in einem Notstandsgebiet wohnt, also besser gesagt, wenn man wo wohnt, wo auf einmal vorsorglich der Notstand ausgerufen wird, kann man dafür Dinge lernen, von denen man immer dachte, man braucht so was nicht zu wissen oder zu behalten. Selbst Allgemeinplätze bekommen eine neue Bedeutung. Zum Beispiel:

Bei einem Hurrikan ist oft nicht der Wind das große Problem, sondern das Wasser. Erinnert sich noch jemand an Katrina?

Stromleitungen unter der Erde sind von Überflutungen bedroht. Stromleitungen über der Erde macht der Wind zu schaffen und das, was der Wind vor sich hertreibt (Bäume zum Beispiel). Ich frage mich, ob sich das der Mensch, der sich die Redensart “vom Regen in die Traufe kommen” ausdachte, hätte träumen lassen.

In Hochhäusern braucht es viel Kraft, um Wasser durch die Leitungen nach oben zu drücken. Meistens erledigen das Elektropumpen. Fällt der Strom aus, gibt es deshalb auch kein Wasser mehr.

Hausbesitzer werden nicht primär deswegen gebeten, die Fahrstühle auszuschalten, weil man Strom sparen soll. Sondern vor allem deshalb, weil die Feuerwehr in einem Megasturm keine Notrufe gebrauchen kann, weil einer im Fahrstuhl stecken geblieben ist (zum Beispiel, weil der Strom ausgefallen ist).

Wenn man Fenster von außen diagonal mit Klebeband abklebt, fallen die Scherben nach unten, nicht mit Hochgeschwindigkeit nach innen, wenn der Sturm die Scheibe zerstört.

Obwohl die Karibikinsel Kuba schwer unter Hurrikans zu leiden hat, beklagt man dort nur wenige Todesopfer. Die Vereinten Nationen loben schon seit rund zehn Jahren Kuba für seine Vorsorge bei diesen Stürmen. Unter anderem wird dort frühzeitig evakuiert.

Thema: Lifestyle, wait a second | Comments Off | Autor:

Schön klug

Thursday, 11. August 2011 21:28

Ich gehe ja gern zu diesen Veranstaltungen, bei denen ich neues Wissen präsentiert bekomme. Show-and-Tell, Mini-Lecture, Pecha Kucha – nehme ich alles gern mit. Und jetzt dreht der Galapagos Art Space das Ganze noch eine Runde weiter: “Get Smart” verbindet 15-minütige Vorträge mit Ausschnitten aus dem Cabaret-Programm, das hier am Wochenende geboten wird. So höre ich etwas über Hologramme (und vorn am Eingang stehen auch zwei), sehe erstmals den Journalisten Norman Oder, den ich bisher nur von seinem Blog Atlantic Yards Report kenne, und lerne, wohin die Impulse in meinem Hirn gehen, wenn ich unkonzentriert bin. Und dazwischen – ach, ich lasse jetzt mal die Bilder sprechen. Meine Gedanken wandern gerade mal wieder.

Thema: High Life, versacken | Comments Off | Autor:

Stille Post

Saturday, 30. April 2011 11:22

Ich warte auf die Fahne. Mit der Fahne kommen die Worte, die mir Paul zuflüstern wird und die ich der Frau hinter mir sagen soll. Sie kommen von Lama Pema Wangdak, und wenn wir alle sie weitergesagt haben, kommen sie bei Salman Rushdie an. Wir sind eine Karmakette, und ich habe Glück: Ich bin ein Stück vor Nummer 200 in der Schlange im High Line Park, und damit stehe ich in einem sonnigen Abschnitt.

Was wir weitersagen, kommt in drei Teilen, begleitet von drei Fahnenträgern. Nachdem alle Fahnen vorbeigezogen sind, kommt der Lama. Je nachdem, wie man ihm begegnet, schüttelt er Hände, nickt, lacht. Wir folgen ihn zum Endpunkt, wo Salman Rushdie wartet. Vorher kam er schon an der ganzen Schlange vorbei. Einfach so. Ich dachte, da kommt ein Riesenaufgebot an Leibwächtern mit Wichtigkeit ausstrahlenden Knöpfen im Ohr. Aber ich sehe keinen, der diese Art von Kommunikation trägt. Hier wird nur geflüstert.

Salman Rushie sagt dann, was er am Ende dieser besonderen stillen Post verstanden hat. Abgesehen vom Mittelteil ähnelt es dem, was ich verstanden habe:

“Follow the glass stone

the droid from hell

(hier kichern wir alle)

if anything exists, it changes.”

Danach bekommt der Lama das Mikro. Er sagt zunächst auf Tibetanisch, was er am Beginn der Karma Chain gesagt hat. Aber auf Englisch ist es auch nicht kürzer. Da haben wir aber ganz schön komprimiert.

“Like a shimmering star, or a flickering lamp,

a fleeting autumn cloud, or a shining drop of morning dew,

a phantom, a dream, a bubble, so is all the existence to be seen.”

Zweimal liest er uns das vor. “Habt ihr das jetzt verstanden?”, fragt er schmunzelnd. As if, wie man hier sagen würde. Dann macht Robert Paul und mich auf ein Detail aufmerksam.

Der Lama liest seine Notizen von einem Smartphone ab.

Karma Chain war eine Veranstaltung des PEN World Voices Festival of International Literature.

Thema: High Noon, Kultur | Comments Off | Autor:

Heldengrab

Thursday, 21. April 2011 19:37

Da sind ja gar keine Kerzen! So haben wir aber nicht gewettet. Das hier war als Candlelight-Tour angekündigt, und ich hatte es mir so ein bisschen gruselig vorgestellt (und mich gefragt, wie das dann mit den Fotos gehen soll). Und draußen ist es ja noch hell, als wir ankommen. Aber das wird schon. Ein Ranger erklärt uns erst mal, warum General Grant letztlich auch für seinen Job verantwortlich ist.

Der Mann, der im Bürgerkrieg zum General aufstieg und später Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hat nämlich auch den ersten Nationalpark gegründet. Um das zu bewahren, was Amerika ausmacht, erklärt der Ranger: Geschichte und Natur. “Wenn der jetzt hier rumlaufen könnte”, sagt er, und der Mann neben mir dreht sich um, schaut nach hinten und unten, wo die Särge stehen. Da rührt sich aber nichts. Aber wenn, dann wäre der General nicht begeistert von seiner Ruhestätte.

Er war immer ganz bescheiden, tat seine Pflicht (das hebt der Ranger immer wieder hervor; er selbst war früher in der Armee) und mochte keinen Pomp. Aber seine vielen Fans im Volke wollten ihm unbedingt ein Denkmal setzen. “Wenn ein Mann zum Helden geworden ist, dann liegt das Leben nicht mehr in seiner Hand”, sagt der Ranger. “Nicht mal im Leben nach dem Tod.”

Thema: Architektur, Geschichte, High Life | Comments Off | Autor:

Wie im Fernsehen

Wednesday, 23. March 2011 11:22

Es ist nicht das erste Mal, dass ich außerhalb eines Flughafens durch einen Metalldetektor trete. Aber in einer Schule habe ich das noch nie getan (ich war allerdings auch schon lange nicht mehr in einer Schule, jedenfalls in keiner für Lehrzwecke genutzten; PS1 und PS90 zählen also nicht). Dass man in den gefährlichen USA schon in der Schule nach Waffen suchen muss, kennen Deutsche aus den Fernsehen. Aber gerade diese Schule passt nicht ins Klischee.

Die Frances Perkins Academy ist eine kleine Schule mit Projektunterricht in gerade mal acht Klassenräumen, versteckt in der großen Automotive High School. Ich interviewe ein paar Schülerinnen und Schüler der FPA, und als ich frage, was sie an ihrer Schule ändern würden, kommt als Erstes: Wir wollen eine Schule mit Schließfächern auf den Fluren, wo man dann seine Sachen holt und sich mit Freunden trifft – so wie man das immer im Fernsehen sieht.

Thema: High Noon, Lifestyle | Comments Off | Autor: