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Babylon-Optik

Friday, 2. December 2011 12:02

In den meinungsstarken, inhaltsarmen Fernsehnachrichten taucht das Thema immer wieder auf: In manchen Gegenden New Yorks schreiben die Einwohner einfach in der Sprache, die sie verstehen. An ihren Geschäften stehen dann Dinge, die die Außenreporter nicht entziffern können. Das prangern sie an, und dann finden sie Leute, die in die Kamera sagen, es solle ein Gesetz geben, das englischsprachige Werbung vorschreibt. Manchmal dürfen ein paar Ladenbesitzer dann darüber klagen, wie viel Geld es sie kosten würde, die ganze Werbung neu machen zu lassen. Aber das Thema kommt jedes Mal wie ein Riesenskandal rüber. Als gäbe es keine Probleme in dieser Stadt. Ist doch klar, dass mein Blick hier hängen bleibt:

Wir verstehen uns doch, denke ich. Bis ich dem Mann hinter mir ins Gesicht blicke. Er ist total entgeistert, weil ich ein Foto mache.

Thema: High Noon, Multikulti | Comments Off | Autor:

Voll durchgefallen

Friday, 28. October 2011 16:54

Das Brett ist ein Publikumsmagnet. Männer stehen hier Klischeewache und fachsimpeln über Akkuschrauber. Ich bin nicht schon wieder im Handwerkermarkt gelandet, sondern bei der Präsentation von Consumer Reports. Das ist vergleichbar mit “test” (Stiftung Warentest), nur schon deutlich älter. Zum 75. Geburtstag fahren die Laboranten durchs Land und machen heute eben in Grand Central Station. Zum Beispiel mit Akkuschraubern, Brett und Schrauben. Aber auch mit einer Waschmaschine und Stoffstreifen in unterschiedlichen Stadien der Verblassung.

Die Krux für die Verbraucherschützer ist ja: Einerseits leben sie von ihrer Objektivität. Andererseits müssen sie auch von irgendetwas leben, brauchen Aufmerksamkeit – und machen Werbung. Als ich neugierig an einen Stand mit Smartphones herantrete, lerne ich schnell: Die werden hier nicht live getestet, sondern sie zeigen all die neuen Apps, die Consumer Reports entwickelt hat. Und gegenüber zeigen die Kollegen stolz einen großen Erfolg:

Im Sommer hat das Magazin einen Artikel darüber veröffentlicht, dass immer mehr Menschen sich mit Spezialschuhen verletzen, deren Sohlenkonstruktion einen Fitness-Effekt haben soll. Ein Test stellte dann sogar diese Wirkung in Frage. Daraufhin klagte die US-Handelsbehörde, und der Hersteller ließ sich auf einen millionenschweren Vergleich ein, um eine Gerichtsverhandlung abzuwenden. Und so kommt es, dass so mancher Verbraucher sich da jetzt eine Entschädigung holen kann. Ein weiterer Hersteller ist bereits im Visier der Behörden.

Das Ganze erinnert mich an einen alten Western, in dem ein redseliger Herr von einem alten Karren herab Wundermedizin verscherbelt, bis sein Schwindel auffliegt. Wenn ich mich recht einsinne, entkommt der Quacksalber aber um Haaresbreite den rechtschaffenen Bürgern. Dem hat ja auch keiner diese Schuhe angedreht.

Thema: Geld ausgeben, High Tea | Comments Off | Autor:

Schlampen im Regen

Saturday, 1. October 2011 13:04

New York ist zwar spät dran, hat aber auch einen. Slut Walks begannen im April in Toronto. Drei Monate zuvor hatte ein Vertreter der dortigen Polizei bei einer Veranstaltung über Verbrechensbekämpfung gesagt, um nicht zum Opfer zu werden, sollten Frauen sich nicht wie Schlampen anziehen. Daraufhin rückten kluge Köpfe nicht nur theoretisch die Zusammenhänge gerade, sondern sie organisierten auch Demonstrationen. Und da erschienen dann so einige Teilnehmerinnen leichtbekleidet – um zu zeigen, dass das keine Einladung zur Vergewaltigung ist.

Es zeigte sich aber, dass sie damit ein vertracktes Problem hervorrufen: Medien berichten darüber nicht unbedingt deswegen, weil die Slut Walks mit nacktem Finger auf ein drängendes Problem unserer Zeit zeigen; sondern auch, weil sie auflagen-, zuschauer- oder klicksteigernde Bilderbotschaften liefern, die ins Gegenteil verkehren, wofür die abgebildeten Frauen bei der Veranstaltung eintreten.

In den Reden des New Yorker Slut Walks wiederholen viele noch mal, wer sie sind. Und auch, was sie nicht sind. Dabei drücken sie sich klar aus, einfach genug, um noch dem tumbesten Gaffer ein- oder heimzuleuchten. Auch visuell.

Thema: High Noon, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Wahr oder falsch?

Tuesday, 27. September 2011 22:42

Jeden Tag werden an der Wall Street Fachleute interviewt. Und in Zeiten, in denen die Börsen Achterbahn fahren, sucht man um so vehementer nach Antworten. Aber meistens halten sich die Analysten und Trader an ein Schema. Daraus bricht jetzt einer aus: Er sagt im BBC-Interview unter anderem, dass er sich seit Jahren auf eine neuerliche Rezession freut. So sieht das aus:

Das wirft die Frage auf, ob es diesen Alessio Ratani tatsächlich gibt. Oder ob er ein Darsteller in einem genialen Mediencoup ist – und dafür geraten sofort ein paar New Yorker in Verdacht: die Yes Men. Die veröffentlichen daraufhin auf ihrer Website ein perfides Dementi, das facht die Zweifel nur um so mehr an. Die Diskussion um das Interview berührt schließlich die uralte Frage: Woran willst du glauben?

Thema: Kokolores, wait a second | Comments Off | Autor:

Urkomisch

Wednesday, 3. August 2011 13:36

In der US-amerikanischen Popkultur ist das Phänomen zwar oft genug ein Thema, aber ich hab nie so recht verstanden, warum man Urängste vor einem Clown haben soll. Bis diese Werbung begann. Also Angst habe ich immer noch nicht. Aber ich finde es auch nicht lustig. Soll ich ja eben auch nicht. Es nervt eher.

Childrens Hospital war mal eine Web-TV-Serie mit ungefähr fünfminütigen Folgen. Seit letztem Jahr kommt es auch im Fernsehen. Und diesen Sommer tauchen nicht nur diese Plakate auf, sondern auch peinliche Pseudo-Graffiti. Ach, bleibt mir doch weg mit eurem Clown.

Thema: High Noon, Kokolores | Comments Off | Autor:

Moment mal: Krötenwanderung

Wednesday, 29. June 2011 23:30

Ich habe heute leider keine Schildkröten für euch. Am Wochenende wollte ich eigentlich in das Insel-und-Marschland-Labyrinth der Jamaica Bay in Queens, aber ich fand keinen Weg, um genau da hinzukommen, wo es mich hinzog, und  ich entschloss mich dagegen, es einfach da in der Nähe zu versuchen. Sonst hätte ich jetzt vielleicht ein passendes Foto.

Ich wollte die Schildkröten besuchen. Deren Paarungszeit fängt jetzt an, dann sind die – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – ganz schön aktiv. Und behindern damit manchmal den Verkehr. Diese besondere Art der Krötenwanderung ist heute in den Nachrichten gelandet (am Wochenende gab es zwar auch schon dasselbe Problem, aber ich glaube, das hatte kein Konzern getweetet, dem News-Reporter folgen).

Die Schildkröten-Wanderroute führt nämlich durch den John F. Kennedy-Flughafen – und da musste heute früh schon wieder eine ganze Horde von weit über hundert Schildkröten von der Landebahn geklaubt werden. Sehr lustig, die Kommunikation zwischen Pilot und Tower, die ein Nachrichtensender begeistert abspielt. Ich frage mich, ob Schildkröten wohl auch durch Tunnel kriechen würden. Die Forderung nach Krötentunneln auf dem Flughafen würde doch eine hübsche Grundlage für eine Bürgerinitiative abgeben. Vielleicht käme sie sogar in die Nachrichten.

Thema: draußen, Rätselhaftes, wait a second | Comments Off | Autor:

Fragengewitter

Saturday, 21. May 2011 14:23

Für den dritten Teil müssen wir alle aufstehen. Wir werden “Q+A” von Darren O’Donnell erleben, und das kann man nur erleben, wenn man mitmacht. Ross Simononi liest Anweisungen vor. “Setz dich, wenn du mehr als drei Sprachen fließend sprichst.” – “Setz dich, wenn du öffentlich zugibst, dass du gern deine eigenen Fürze riechst.” – “Setz dich, wenn du noch nie Fleisch probiert hast.” Und so weiter.

Wir stehen (oder setzen uns) in der berühmten New York Public Library, die gerade ihr Hundertjähriges feiert. Ich habe mich so gefreut, herzukommen. Einmal abgesehen davon, dass es hier so schön ist: Diese Veranstaltung des Literaturmagazin The Believer heißt “QNA: A Roundtable Discussion on the Art of the Interview”, und eben habe ich den Meistern des Fachs lauschen dürfen bei Anekdoten und Erkenntnissen und Warnungen aus dem Berufsalltag, der mir so am Herzen liegt. Claudia Dreifus, Dick Cavett, Lorin Stein und Kenneth Goldsmith sagen all diese geistreichen Dinge über Interviews. Sie nähren so intensiv die am weitesten verbreitete Angst unter Interviewern mit Katastrophengeschichten, wie mal die Technik versagte, dass ich mir sofort ein zweites Aufnahmegerät kaufen will. Sie geben mir endlich Kanonenfutter gegen mein schlechtes Gewissen, wenn ich mich bei Fragen wie “Was war denn dein interessantestes/liebstes/bestes Interview?” winde. Sie teilen das Entsetzen, wenn sich einer der persönlichen Literatur-Helden im Interview als jemand entpuppt, der keinen vernünftigen Satz sagen kann.

Und jetzt steh ich hier und fühle mich immer unwohler, weil keine Frage kommt, bei der ich mich setzen darf, und ich denke: Ha, das ist echt ein tolles Theater. Bei der Anweisung “Setz dich, wenn du kein Deo oder ähnliches benutzt” setzen sich nämlich verdächtig viele Leute. Die lügen doch, denke ich, weil sie nicht mehr so im Fokus stehen wollen. Ich würde mich auch gern setzen. “Setz dich, wenn du dir schon mal einen Knochen gebrochen hast.” – “Setz dich, wenn du noch nie ein Handy besessen hast.” – “Setz dich, wenn du gepiercte Brustwarzen hast”. Ich kann mich nicht zum Lügen durchringen. Wir sind nur noch zu zweit, stellen die beiden Moderatoren fest. Ich weiß nicht, wer da noch steht oder bei welcher Frage er oder sie sich  setzt, aber ich bin die Letzte, die steht.

Ich soll auf die Bühne kommen. Meinen Namen sagen. “Meine Damen und Herren, wir haben hier die langweiligste Person im ganzen Publikum.” Kichernd verneige ich mich. Und dann darf ich mich endlich setzen. Auf der Bühne. Das Publikum darf mich fragen, was es will, und ich habe das Recht, Fragen nicht zu beantworten. Ich beantworte aber alle. Nur nicht unbedingt immer so, wie die Leute sich das gedacht haben.

Thema: High Noon, Kultur | Kommentare (2) | Autor:

Downtown-Reporter

Thursday, 5. May 2011 18:07

Der Präsident war wieder hier. Heute Nachmittag hat er einen Kranz am Ground Zero niedergelegt. Ein solches Ereignis wird selbstverständlich vom Fernsehen begleitet, und vorher, hinterher oder mittendrin steht ein Außenreporter vor der Kamera und berichtet oder kommentiert. Jeder so, wie er es für richtig hält. Aber die Plätze sind nun einmal begrenzt, und die Sender dürfen nicht die ganze Stadt lahmlegen. Deshalb drängeln sich bei solchen Anlässen meist in irgendeiner Seitenstraße die Ü-Wagen. Und nicht nur das.

Ja, ganz recht: Das sind Außenreporter verschiedener Sender, die da direkt nebeneinander ihre Beiträge sprechen. Und ein Stück weiter hinten steht noch so eine Reihe.

Thema: High Tea, Lifestyle | Kommentare (3) | Autor:

Wie man ins Fernsehen kommt

Wednesday, 5. January 2011 19:29

Sie heißt Ann Hirsch. Aber einige kennen sie vielleicht als Annie aus “Frank the Entertainer A Basement Affair”, sagt sie, und die ersten Leute kichern. Man glaubt das nicht so recht, dass sie in so einer Show war. Aber sie erklärt, wie man ins Reality TV kommt.

In der Flux Factory in Queens ist heute “Expert Oddities – Show and Tell”: Menschen mit einer Leidenschaft für Dinge, die neben der Spur liegen, haben zehn Minuten Zeit, von ihrer Obession zu berichten. Nach Annies Vortrag sagt Moderatorin Angela Washko: “Wer jetzt dran ist, hat es leider schwer.” Und ich gestehe, zu Anfang wusste ich nicht, was ich von Ann halten soll.

Sie führt vor, wie ihr Casting-Gespräch verlief – und welche hohlen Antworten einen in so eine Sendung bringen. Sie zeigt, wie man es schafft, nicht sofort wieder rauszufliegen (geblümte Leggings helfen dabei, sich zum größten Loser aufzubauen; auch völlig an den Haaren herbeigezogene Aussagen vor der Kamera bringen die nötige Aufmerksamkeit) – und wie man es schließlich in die Sendung schafft, die einzig und allein über Reality Shows berichtet.

Ja, wirklich: Sie war echt da. Und hat in der Realität eine Show abgezogen. Und zwar mit einer Kombination aus Aktion und Statement, für die sich der ganze Aufwand gelohnt zu haben scheint – zu sehen ab ungefähr 0:48 in diesem Video von The Soup.

Thema: High Life, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Moment mal: Blackout

Monday, 18. October 2010 19:05

In Deutschland verbindet man mit dem Wort “Blackout” meist einen gedanklichen Aussetzer: Mitten in der Prüfung, bei der Präsentation oder beim Rendezvous fehlen plötzlich Worte und Bilder für den nächsten Satz. In New York verbindet man mit dem Wort “Blackout” meistens einen Stromausfall. Mitten im Schneechaos oder Herbststurm fehlt plötzlich der elektrische Strom. Im Moment aber führen viele das Wort für ein Unterhaltungsproblem ins Feld.

Ein Kabelfernsehenanbieter verhandelt mit einer Mediengruppe, der unter anderem den Fernsehsender Fox gehört. Das gehört zum Geschäft, aber diesmal können sich beide Parteien nach Monaten nicht einigen, die Fronten verhärten, und plötzlich können ca. drei Millionen Haushalte im Großraum New York kein Fox mehr empfangen. Dass diese Menschen nun um die nächste Folge der beliebten TV-Serien “House” und “Glee” bangen, kommt in der Berichterstattung nur selten vor.

Der Schrecken des Blackouts liegt im Sport: Um das Football-Spiel der New Yorker Giants zu sehen, mussten Kunden dieses Kabelanbieters gestern in die Kneipe gehen. Jetzt wird darüber spekuliert, ob der Streit wohl noch bis zum 27. Oktober gehen wird – dann beginnt die Baseball World Series. Der Vertrag von Fox mit einem anderen Kabelanbieter läuft Ende des Monats aus. Angeblich warnt der schon seine Kunden, dass die Übertragung des Sportereignisses womöglich unterbrochen wird.

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Moment mal: Gefundenes Fressen

Tuesday, 12. October 2010 20:01

Essen entfaltet seinen Geschmack im Mund. So weit, so gut. Aber das ist ja nicht alles. Deshalb haben es heute gleich zwei Ernährungsmöglichkeiten in die Zeitungen geschafft. Erstens: Das Gericht eines Fast Food-Unternehmens, das die Fotografin Sally Davies im April gekauft und seither immer mal wieder fotografiert hat – sagt sie jedenfalls. Das Zeug ist nämlich immer noch nicht verschimmelt, und im Gegenzug argwöhnt jetzt das Unternehmen, dass die Fotografin das Essen per Gefrierschrank oder mit anderen Methoden konserviert hat.

Zweitens: Schon vor der Zubereitung entwickeln manche Lebensmittel einen typischen Geruch. Im aktuellen Fall verursacht nicht Harzer Roller ein Problem, sondern ein Edelpilz. Angeblich verkaufen sich die schicken Eigentumswohnungen in einem Haus auf der West Side nicht mehr so gut, seit unten ein Trüffel-Geschäft eingezogen ist. Dessen Besitzer bemühen sich, den Geruch aus der Gebäudelobby fernzuhalten – und freuen sich vermutlich über die Duftmarke, die sie in der Medienlandschaft hinterlassen.

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